Die Kunst des Streitens
Haben wir verlernt zuzuhören, andere Meinungen anzunehmen? Wenn die Zündschnur immer kürzer wird, müssen wir lernen, besser zu streiten. Ein Leitfaden für die Praxis.
Wir reden viel über Transformation. Wer Altbekanntes aus dem Weg räumt, darf sich auf Widerstand gefasst machen. Statt unversöhnlicher Meinungsverschiedenheiten und in Beton gegossener Positionen sollten wir dringend wieder lernen, miteinander zu streiten.
Denn ausgerechnet jetzt verschwindet etwas, das wir für die kommenden Jahre dringend brauchen werden: unsere Debattenkultur. Unternehmen werden Werke umbauen, Standorte infrage stellen und Tausende Arbeitsplätze durch KI und Automatisierung verändern. Gewerkschaften werden um Löhne und Beschäftigung kämpfen. Stromtrassen, Windparks, Rechenzentren, Bahnstrecken und Fabriken brauchen Flächen. Kommunen müssen sparen. Politik muss knapper werdende Spielräume verteilen.
Bei Großprojekten werden aus Kritikern Verhinderer. Im Unternehmen wird Widerspruch gegen eine Transformation als mangelnde Veränderungsbereitschaft gelesen. Im Tarifkonflikt wird aus einer Zahl eine Frage des Respekts. In der Politik reichen wenige Worte und aus einem Sachthema entstehen zwei Lager.
Dazwischen liegt immer weniger Raum. Raum für Zweifel. Für das berühmte „Ja, aber“. Für den Gedanken, dass der andere vielleicht einen Punkt haben könnte. Für einen Kompromiss, den hinterher keiner auf LinkedIn als historischen Sieg verkaufen kann.
Unsere Zündschnur wird kürzer. Und unsere Fähigkeit, Widerspruch auszuhalten, schrumpft mit.
Dabei ist Widerspruch kein Defekt eines funktionierenden Systems. Er gehört dazu. William Wrigley Jr., der Mann hinter dem Kaugummi-Imperium, brachte es schon 1931 ziemlich trocken auf den Punkt:
„When two men always agree, one of them is unnecessary.“
Vielleicht sollten wir diesen Satz in manche Unternehmensflure und Parlamente hängen.
Wenn Streiten teuer wird
Ob Deutschland tatsächlich streitsüchtiger geworden ist, lässt sich statistisch kaum seriös belegen. Die Gerichte liefern trotzdem ein interessantes Röntgenbild unserer Konflikte. Allein vor deutschen Amtsgerichten wurden 2024 rund 801.000 Zivilsachen erledigt. Mehr als 190.000 betrafen Wohnungsmieten, 5.720 Nachbarschaftsstreitigkeiten. Rund 172.500 Verfahren endeten mit einem streitigen Urteil, fast 98.000 immerhin mit einem gerichtlichen Vergleich.
Das ist kein Streitsucht-Index. Nach einem langen Rückgang steigen die Eingangszahlen der Zivilgerichte erst seit Kurzem wieder. Trotzdem fasziniert mich das Bild: Hunderttausendfach brauchen wir Richter, Anwälte, Schriftsätze, Gutachten, Fristen und Urteile, um Konflikte zu sortieren.
Denn ein Konflikt wird mit zunehmendem Alter selten besser. Er wird nur komplizierter.
Konflikte haben die lästige Angewohnheit, unterwegs ihr Thema zu wechseln
Am Montag streiten zwei Bereiche über 500.000 Euro Budget. Am Mittwoch darüber, wer wen zu spät informiert hat. Am Freitag fällt der Satz: „Das macht ihr doch immer so.“ Drei Wochen später liegt die Excel-Datei irgendwo im Ordner. Auf dem Tisch liegen inzwischen Kränkungen, Misstrauen und Rechnungen aus dem vergangenen Jahr.
Der Budgetstreit hat Nachwuchs bekommen.
Deshalb mein erster kleiner Konflikt-Hack:
Fragen Sie mitten im Streit: „Worüber streiten wir eigentlich gerade?“
Erstaunlich häufig entsteht danach erst einmal Stille. Und das ist meistens ein gutes Zeichen.
Wer auf das Protestplakat schaut, verhandelt mit Pappe
Ein Unternehmen will ein Werk erweitern. Investitionen, neue Arbeitsplätze, bessere Wettbewerbsfähigkeit. Vor dem Werkstor steht eine Bürgerinitiative mit einem großen NEIN.
Nun startet die Argumentationsmaschine. Gutachten werden präsentiert, Arbeitsplätze vorgerechnet, Informationsveranstaltungen organisiert. Irgendwann hat die Präsentation 87 Folien und draußen stehen doppelt so viele Protestschilder.
Vielleicht wurde hervorragend informiert und miserabel zugehört.
Der eine Anwohner fürchtet 300 zusätzliche Lkw in der Nacht. Die andere den Wertverlust ihres Hauses. Ein Dritter misstraut dem Unternehmen wegen eines früher gebrochenen Versprechens. Ein Vierter lehnt das Projekt tatsächlich grundsätzlich ab.
Dasselbe NEIN kann vier völlig verschiedene Geschichten erzählen. Deshalb gehört eine Frage auf den Spickzettel jedes Krisenmanagers:
„Was wollen Sie eigentlich schützen?“
Sie wollen keine Wochenendarbeit. Vielleicht wollen Sie die Planbarkeit Ihres Familienlebens schützen. Sie wollen keine Werkserweiterung. Vielleicht Ihre Nachtruhe. Sie fordern acht Prozent mehr Lohn. Vielleicht geht es um Kaufkraft, Anerkennung oder den Abstand zu einer anderen Tarifgruppe.
Plötzlich reden wir über Interessen. Und Interessen sind sehr viel beweglicher als Parolen.
Wie teuer es werden kann, diesen Unterschied zu übersehen, hat Shell 1995 mit der Brent Spar erfahren. Für Shell war die ausgediente Ölplattform zunächst ein technisches Entsorgungsproblem. Greenpeace stellte eine völlig andere Frage: Darf ein Weltkonzern seinen ausgedienten Industrieschrott im Meer entsorgen?
Greenpeace besetzte die Plattform. Bilder gingen um die Welt. Boykottaufrufe folgten. Politiker mischten sich ein. Shell hielt zunächst an seinem Plan fest und gab die geplante Versenkung schließlich auf. Auch Greenpeace lag mit einer öffentlich verbreiteten Schätzung über die verbliebene Ölmenge erheblich daneben und entschuldigte sich später dafür.
Das Lehrstück liegt woanders: Beide Seiten stritten längst über verschiedene Fragen. Shell sprach über eine Entsorgungsmethode. Die Öffentlichkeit über Umwelt, Verantwortung und die Macht eines Konzerns.
Fragen Sie deshalb nicht nur: Was ist unser Argument? Fragen Sie: Welchen Konflikt führt die andere Seite eigentlich?
Die unterschätzte Macht der Pause
In angespannten Gesprächen passiert etwas Merkwürdiges. Während der andere spricht, formulieren wir bereits die Erwiderung. Wir entdecken Fehler, sammeln Gegenargumente und warten auf die kleine Lücke, in die wir unsere Antwort schieben können.
Der Mund schweigt. Das Gehirn lädt nach.
Jemand sagt: „Ihr habt doch sowieso längst entschieden.“
Antworten Sie nicht reflexhaft: „Das stimmt nicht.“
Fragen Sie: „Was ist passiert, dass Sie uns das nicht mehr glauben?“
Und dann halten Sie den Mund.
Keine Rechtfertigung. Keine Einordnung. Keine Korrektur. Einfach zuhören und beobachten. Vielleicht erfahren Sie zum ersten Mal, worum es tatsächlich geht.
Dasselbe Prinzip funktioniert außerhalb des Besprechungsraums. Nicht jede Mail verdient sofort eine Antwort. Nicht jeder LinkedIn-Angriff eine Replik. Nicht jede Provokation eine Pressemitteilung am selben Nachmittag.
Manchmal ist die professionellste Reaktion auf einen Angriff: heute nicht.
Eine Nacht schlafen. Einen Kollegen lesen lassen. Fakten prüfen. Den Ärger aus dem Text entfernen. Dann antworten.
Konflikte sind wie Fettbrände. Wer im Affekt Wasser hineinschüttet, hat sehr schnell sehr viel getan und möglicherweise die ganze Küche in Brand gesetzt.
Geben Sie dem anderen eine Geschichte, mit der er nach Hause gehen kann
Besonders schwierig werden Konflikte, sobald Publikum hinzukommt. Eine Gewerkschaft verhandelt mit dem Arbeitgeber und gleichzeitig mit ihren Mitgliedern. Ein Vorstand mit der Arbeitnehmerseite und indirekt mit Aufsichtsrat und Eigentümern. Eine Bürgerinitiative mit dem Projektträger und ihren Unterstützern. Politiker haben Wähler.
Wer die Gegenseite öffentlich vorführt, macht deren späteres Einlenken teuer. Aus einer sachlichen Bewegung wird Gesichtsverlust.
Deshalb eine weitere Frage für den Spickzettel:
„Was muss die andere Seite hinterher ihren Leuten erzählen können?“
Eine Vereinbarung braucht schließlich jemanden auf der anderen Seite, der sie unterschreibt und anschließend verteidigt.
Machen Sie aus dem Glaubenskrieg ein Experiment
Manche Konflikte werden deshalb so groß, weil beide Seiten so tun, als müssten sie heute für alle Ewigkeit entscheiden.
Müssen sie das wirklich?
Die Beschäftigten wollen drei Tage Homeoffice, das Unternehmen einen. Statt sich wochenlang um die Zahl zu prügeln, könnte man fragen: Welche Aufgaben verlangen tatsächlich Anwesenheit? Welche Auswirkungen haben unterschiedliche Modelle auf Produktivität, Zusammenarbeit und Zufriedenheit?
Oder drei Monate ausprobieren.
Eine Bürgerinitiative befürchtet zusätzlichen Verkehr durch ein Wohngebiet. Der Projektträger hält seine Verkehrsplanung für ausreichend.
Verkehrsführung auf Probe. Messen. Auswerten.
Ein neues Schichtmodell? Sechs Monate testen. Vorher gemeinsam festlegen, woran Erfolg und Misserfolg gemessen werden.
Gerade Kritiker können dabei wertvoll werden. Sie kennen Schwachstellen, Nebenwirkungen und praktische Probleme, die auf Projektplänen gerne unsichtbar bleiben.
So wird aus einem Gegner im besten Fall ein unfreiwilliger Qualitätsprüfer.
Aus „Wer hat recht?“ wird „Was funktioniert?“
Konflikte sind Rauchmelder
John Dewey nannte Konflikt einmal die „gadfly of thought“, die Stechfliege des Denkens. Konflikt zwinge uns zum Beobachten, Erinnern und Erfinden und reiße uns aus geistiger Passivität.
Auch Unternehmen behandeln Konflikte gerne wie lästige Betriebsgeräusche. Zwei Abteilungen kämpfen ständig um Zuständigkeiten? Vielleicht stimmt die Organisation nicht. Beschäftigte stemmen sich gegen eine Transformation? Vielleicht sehen sie Risiken, die auf den Vorstandsslides fehlen. Eine Bürgerinitiative wächst? Vielleicht wurde ein relevantes Interesse übersehen.
Konflikte sind Rauchmelder. Man kann die Batterie herausnehmen, weil das Piepen nervt.
Das Feuer beeindruckt das wenig.
„Was erzählt uns dieser Streit über unser System?“
Diese Frage ist oft wertvoller als die Suche nach dem Schuldigen.
Wenn Sie feststecken: Holen Sie jemanden dazu
Manchmal sind die Fronten so verhärtet, dass jede Erklärung nach Ausrede und jedes Entgegenkommen nach Taktik klingt. Dann braucht es keinen langen Exkurs über Mediation. Es braucht jemanden, der nicht selbst im Schützengraben sitzt.
Das kann ein professioneller Mediator oder Schlichter sein, genauso ein erfahrener Kollege oder eine Person, der beide Seiten vertrauen.
Sein erster Job ist nicht, die Lösung zu präsentieren. Er soll das Knäuel auseinanderziehen: Was ist Fakt? Was Interpretation? Was Forderung? Was Interesse? Was alte Kränkung? Wo gibt es Bewegung? Wo eine echte rote Linie?
Gerade bei Beziehungen mit Zukunft lohnt sich das. Vorstand und Betriebsrat sehen sich nach dem Tarifkonflikt wieder. Zwei Bereichsleiter bleiben im selben Organigramm. Unternehmen und Kommune können einander schlecht kündigen.
Ein Gericht kann einen Streit entscheiden. Die Beziehung am nächsten Morgen liefert es nicht mit.
Die wichtigste Krisenübung findet vor der Krise statt
Stakeholdermanagement beginnt erstaunlich oft in dem Moment, in dem Stakeholder unbequem werden. Dann lädt das Unternehmen plötzlich zum Dialog.
Die andere Seite versteht diese neue Kontaktfreude meistens ziemlich genau.
Deshalb gehört für mich zum Krisenmanagement eine einfache Übung:
Sprechen Sie regelmäßig mit Menschen, die Ihnen widersprechen, solange Sie noch nichts von ihnen brauchen. Gehen Sie als Erster auf die andere Seite zu.
Fragen Sie nicht jedes Mal: Wie bekommen wir sie auf unsere Seite?
Fragen Sie: Wie sieht die Welt von dort aus?
Wenn es später kracht, kennt man sich. Man kann anrufen. Man kennt die Sprache des anderen. Man weiß, wann eine Drohung Verhandlungsfolklore ist und wann es ernst wird.
Vertrauen zeigt seinen Wert gerade dann, wenn wir verschiedene Dinge wollen.
Vielleicht haben wir noch gar nicht genug Streit
Vielleicht haben wir nur den falschen.
Zu viel Empörung. Zu wenig Neugier.
Zu viele Etiketten. Zu wenige Fragen.
Zu viel öffentliche Positionierung. Zu wenig Gespräch ohne Publikum.
Zu viel Rechthaben. Zu wenig Erkenntnisgewinn.
Wenn absehbar ist, dass Interessenkonflikte zunehmen, sollten wir Streit weder aus unserem Wirtschaftsleben noch aus unserer Demokratie herausoptimieren wollen.
Der französische Schriftsteller Joseph Joubert formulierte vor rund 200 Jahren einen Satz, der heute erstaunlich modern klingt:
„The aim of argument, or of discussion, should not be victory, but progress.“
Vielleicht ist genau das der Maßstab, der uns verloren gegangen ist.
Ein guter Streit endet nicht zwingend mit Einigkeit. Er endet damit, dass wir anschließend klüger sind als vorher.
Sie haben seit längerer Zeit einen ungelösten Konflikt oder zeichnet sich ein solcher demnächst bei einem Ihrer Vorhaben ab? Bevor sich die Fronten verschärfen, lassen Sie uns über alternative Lösungen sprechen. Gerne stellen wir unsere Streitschlichtug auch als laufenden Support bei Großprojekten und Transformationen zur Verfügung bzw. schulen die Führungskräfte und Mitarbeiter zu diesem Thema.

