Krisenkommunikation für Wissenschaftler und Forschungseinrichtungen: Risiken, Strategien und 10 Regeln für den Ernstfall

Krisenkommunikation für Wissenschaftler und Forschungseinrichtungen: Risiken, Strategien und 10 Regeln für den Ernstfall

Krisenkommunikation für Wissenschaftler und Forschungseinrichtungen: Risiken, Strategien und 10 Regeln für den Ernstfall

Wissenschaft unter Beschuss. Plötzlich geraten Forschungseinrichtungen in existenzielle Krisen. Wie sich die Betroffenen prophylaktisch auf Skandale, Katastrophen und Gerüchte vorbereiten und im Ernstfall richtig kommunizieren, beschreibt dieser Leitfaden.

Von Markus Lempa

Köln, den 04.11.2026. Wissenschaftler genießen hohes Ansehen. Ihre Reputation beruht auf fachlicher Kompetenz, sorgfältiger Forschung und oft jahrzehntelanger, disziplinierter Arbeit. Umso schwerer wiegt eine Krise, die Zweifel an ihrer Integrität oder Urteilsfähigkeit weckt.

Der Vorwurf wissenschaftlichen Fehlverhaltens, manipulierte Forschungsdaten, ein umstrittenes Experiment oder auch nur fehlende Fußnoten können eine wissenschaftliche Karriere und den Ruf einer ganzen Institution gefährden. Hinzu kommen persönliche Angriffe, politische Einflussnahme, Verschwörungserzählungen, der Vorwurf eines Gefälligkeitsgutachtens und inzwischen auch täuschend echte Fälschungen mit Hilfe der KI. Wissenschaftler müssen sich deutlich härteren Bewertungen aussetzen als andere Berufsgruppen.

Die Wissenschaft hat in Krisen ein systematisches Problem: Ihre Erkenntnisse sind häufig komplex und erklärungsbedürftig. Die Angreifer arbeiten dagegen mit simplifizierenden Narrativen. Öffentliche Kontroversen werden zudem unter immer größerem Zeitdruck geführt und an Personen festgemacht. Wer den ganzen Tag im Labor oder Vorlesungssaal verbringt, dem fehlen schlicht die Strukturen, um diese Doppelbelastung zu tragen.

Journalisten, Fördermittelgeber, politische Entscheidungsträger und Betroffene stellen plötzlich unerwartet kritische Fragen an die zuvor gefeierten Wissenschaftler: Wer trägt die Verantwortung? Welche Folgen entstehen? Wer wusste wann davon? Kann man dieser Person oder Institution weiterhin vertrauen? Eine wissenschaftliche Krise kann dabei eskalieren, während die fachlichen Fragen noch ungeklärt sind. Vorverurteilungen und Imageschäden sind kaum zu verhindern.

1. Wenn die wissenschaftliche Autorität ins Wanken gerät

Wissenschaftliche Reputation entsteht über Jahre, häufig über Jahrzehnte. Publikationen, Preise, Berufungen in Gremien, erfolgreiche Forschungsprojekte und internationale Anerkennung begründen die Autorität einzelner Wissenschaftler. Wissenschaftler sind wahre Premium-Marken.

Gerät eine solche Persönlichkeit unter Verdacht, betrifft die Krise weit mehr als einen einzelnen Vorwurf. Frühere Arbeiten werden hinterfragt, Kooperationen überprüft, Fördermittelgeber verlangen Erklärungen. Auch die Institution muss sich fragen lassen, ob ihre Kontrollmechanismen versagt haben.

Der Fall des niederländischen Sozialpsychologen Diederik Stapel zeigt diesen Mechanismus. 2011 wurde bekannt, dass er über Jahre Forschungsdaten erfunden hatte. Der Skandal beschädigte irreparabel seine wissenschaftliche Karriere und warf generelle Fragen nach der Qualitätssicherung an Universitäten und Fachzeitschriften auf.

Ähnlich verlief der Fall des deutschen Physikers Jan Hendrik Schön. Seine spektakulären Publikationen zur Halbleiterphysik hatten ihm internationale Anerkennung eingebracht. 2002 stellte eine Untersuchung wissenschaftliches Fehlverhalten in mindestens 16 Fällen fest.

Auch Plagiatsaffären können lange zurückliegende wissenschaftliche Arbeiten zum Gegenstand aktueller Krisen machen. Die Fälle Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan zeigten, welche öffentlichen Folgen der Entzug eines Doktorgrades haben kann. Vor allem, wenn die Personen als Politiker für die Angreifer ein besonders lohnendes Ziel darstellen. Zugleich gerieten die Universitäten in den Fokus, die über die akademischen Grade entschieden hatten. Nicht zu unterschätzen sind zusätzliche Verschärfungen durch die verdeckten Auftraggeber der so genannten Plagiatsjäger. Ihre rufschädigende Arbeit ist längst zu einem etablierten Geschäftsmodell geworden, wie eine NDR-Reportage belegt.

Bei solchen Vorfällen stehen persönliche Redlichkeit und institutionelle Qualitätssicherung gleichermaßen auf dem Prüfstand. Gerade bei unbegründeten Anschuldigungen versuchen die Angreifer einen Keil zwischen den Einzelpersonen und dem Arbeitgeber zu treiben. Umso wichtiger ist eine transparente, ergebnisoffene Aufklärung, für die der Gescholtene seinen uneingeschränkten

Eine spätere Entlastung beseitigt den öffentlichen Verdacht häufig nicht vollständig bzw. wird nicht ausreichend wahrgenommen. Wissenschaftliche Einrichtungen benötigen deshalb unabhängige Untersuchungsverfahren, die konsequente Aufklärung ermöglichen, die Rechte aller Beteiligten schützen, sowie eine professionelle Krisenkommunikation insbesondere.

2. Wissenschaftliche Unsicherheit unter öffentlichem Druck

Die COVID-19-Pandemie war ein Stresstest par excellence für die gesamte Wissenschaftskommunikation. Virologen, Epidemiologen und Mediziner mussten unter den Augen einer ungeduldigen Bevölkerung Erkenntnisse vermitteln, deren Belastbarkeit sich mit neuen Studien immer wieder veränderte. Gleichzeitig erwarteten Politik und Öffentlichkeit klare Empfehlungen.

Christian Drosten wurde zu einer der bekanntesten wissenschaftlichen Stimmen Deutschlands. Seine Einschätzungen fanden große Beachtung, führten aber auch zu Kontroversen und persönlichen Anfeindungen bis hin zu Morddrohungen.

Wissenschaftliche Aussagen wurden zunehmend nach ihren politischen Konsequenzen beurteilt. Empfehlungen zu Schutzmaßnahmen, Impfungen oder Kontaktbeschränkungen berührten unmittelbar den Alltag der Menschen. Dabei trat ein grundlegendes Kommunikationsproblem zutage: Die Öffentlichkeit erwartet häufig Gewissheit, während Forschung mit Wahrscheinlichkeiten, Einschränkungen und vorläufigen Erkenntnissen arbeitet. Für den Laien klingt dies nach Unsicherheit, Widersprüchlichkeit oder mangelnder Kompetenz, obwohl gerade die Bereitschaft, eigene Erkenntnisse zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren, ein wesentliches Merkmal wissenschaftlicher Arbeit ist.

Hinzu kommt die Vermischung wissenschaftlicher Beratung mit politischen Entscheidungen. Wissenschaftler können Risiken bewerten und Handlungsoptionen erläutern. Welche Maßnahmen daraus folgen, entscheiden die zuständigen politischen Institutionen. Werden diese Rollen öffentlich vermengt, geraten Forscher leicht in die Verantwortung für Entscheidungen, die sie selbst nicht getroffen und umgesetzt haben.

3. Wenn Wissenschaft zum politischen Gegner erklärt wird

Die Auseinandersetzung zwischen Wissenschaftlern und Politik hat Tradition, wie bereits das traurige Beispiel Galileo Galileo gezeigt hat. Wie weit politische Angriffe auf wissenschaftliche Institutionen auch in unserem aufgeklärten Zeitalter reichen, demonstrierte die zweite Präsidentschaft Donald Trumps. Sein „War on Science“ deutet an, welche Risiken am Horizont abzeichnen. Seit seinem Amtsantritt im Januar 2025 hat seine Regierung zahlreiche Forschungsprogramme überprüft, Fördermittel eingefroren oder gestrichen und tiefgreifende Veränderungen an Bundesbehörden eingeleitet.

Besonders betroffen waren unter anderem Forschungsfelder wie Klimawandel, öffentliche Gesundheit, Infektionskrankheiten und gesellschaftliche Ungleichheit. Die Regierung begründete ihre Maßnahmen mit veränderten politischen Prioritäten, dem Abbau vermeintlich ideologisch geprägter Programme und einem verantwortungsvolleren Einsatz öffentlicher Mittel.

Nach einer Auswertung der Fachzeitschrift Nature wurden 2025 mehr als 7.800 Forschungsförderungen der National Institutes of Health (NIH) und der National Science Foundation (NSF) beendet oder ausgesetzt. Dass Gerichte n zahlreichen Fällen die Wiederaufnahme der erneute Förderung angeordnet haben, tröstet nicht über die Risse in der Wissenschaftslandschaft hinweg. Die Auseinandersetzung betrifft die Finanzierung laufender Projekte, die Unabhängigkeit wissenschaftlicher Institutionen und die Frage, welchen Einfluss politische Regierungen auf Forschungsinhalte ausüben dürfen. Hinzu kommen existentielle Fragen für einzelne Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter, aber auch Studierende.

4. Verschwörungserzählungen, Desinformation und Deepfakes

Während der Corona-Pandemie verbreiteten sich Verschwörungserzählungen über angeblich geheime Impfprogramme, manipulierte Forschungsergebnisse oder eine vermeintlich koordinierte Täuschung der Öffentlichkeit. Auch die Klimaforschung wird seit Jahren mit Behauptungen konfrontiert, wissenschaftliche Erkenntnisse seien im Interesse politischer oder wirtschaftlicher Akteure erfunden worden.

Solche Erzählungen können gegenüber gewöhnlicher wissenschaftlicher Kritik besonders widerstandsfähig sein. Neue Belege werden mitunter als Teil der behaupteten Täuschung interpretiert. Das erschwert eine sachliche Auseinandersetzung oder führt sie ad absurdum.

Für betroffene Forscher entstehen erhebliche persönliche Risiken. Aus öffentlicher Kritik können organisierte Belästigung, Drohungen und Angriffe auf die berufliche Glaubwürdigkeit werden. Die Angreifer schrecken mit ihrem Bullshit vor nichts zurück.

Mit generativer künstlicher Intelligenz kommt eine weitere Gefahr hinzu: Deepfakes. Manipulierte Video- und Audioaufnahmen können den Eindruck erwecken, ein Wissenschaftler habe Aussagen gemacht, die tatsächlich nie gefallen sind. Ebenso lassen sich gefälschte Interviews, vermeintliche Stellungnahmen oder täuschend echt wirkende Dokumente verbreiten.

Bei einem mutmaßlichen Deepfake müssen Originalquellen gesichert, die Authentizität geprüft und wesentliche Falschbehauptungen zügig korrigiert werden. Gegebenenfalls sind Plattformbetreiber, IT-Forensiker und Rechtsberater einzubeziehen.

Eine weitere Schwierigkeit ist der sogenannte Liar’s Dividend: Weil man heute Videos fälschen kann, wird es leichter, echte Videos und wissenschaftliche Fakten als Fälschung darzustellen. Das Gefährliche daran ist also nicht nur, dass Menschen gefälschte Inhalte glauben, sondern auch, dass sie echten Beweisen nicht mehr vertrauen.

Ein bloßes Dementi genügt in der Krisenkommunikativ häufig nicht.

5. Wenn Forschung selbst zum Gegenstand der Krise wird

Manche wissenschaftlichen Krisen entstehen aus den gesellschaftlichen Folgen neuer Technologien.
2018 verkündete der chinesische Biophysiker He Jiankui die Geburt genetisch veränderter Kinder. Das Experiment löste internationale Empörung aus. He wurde später wegen illegaler medizinischer Praktiken zu einer Haftstrafe verurteilt.

Der Fall betraf grundlegende Fragen der Forschungsethik: Welche Eingriffe in menschliches Erbgut sind vertretbar? Welche Risiken dürfen eingegangen werden? Wer entscheidet darüber?

Ähnliche Fragen begleiten künstliche Intelligenz, autonome Systeme und Neurotechnologien. Elon Musks Unternehmen Neuralink steht mit seinen Gehirn-Computer-Schnittstellen im Spannungsfeld zwischen medizinischen Hoffnungen, technischen Risiken und ethischen Anforderungen. Öffentliche Kontroversen über Tierversuche und Sicherheitsfragen verdeutlichen die besondere Aufmerksamkeit, die solche Entwicklungen auf sich ziehen.

Bei gesellschaftlich sensiblen Technologien muss die Kommunikation nachvollziehbar erläutern, welche Risiken bekannt sind, welche Grenzen gelten und wer die Forschung beaufsichtigt.

Auch Forschungsdaten und technische Infrastrukturen können zum Ausgangspunkt einer Krise werden. Im November 2022 wurde die Universität Duisburg-Essen Opfer eines schweren Cyberangriffs. Zentrale IT-Systeme fielen aus, zahlreiche universitäre Abläufe wurden beeinträchtigt. Bereits 2021 hatte ein Cyberangriff die Technische Universität Berlin erheblich getroffen.

Für die Kommunikation stellen sich konkrete Fragen: Welche Systeme sind betroffen? Sind Daten abgeflossen? Können laufende Projekte fortgesetzt werden? Welche Schutzmaßnahmen wurden ergriffen? Häufig lässt sich das Ausmaß eines Cyberangriffs zunächst nicht zuverlässig bestimmen. Dennoch benötigen Beschäftigte, Studierende und Kooperationspartner regelmäßige und belastbare Informationen.

Ein weiterer Krisenbereich betrifft die Arbeitsbedingungen innerhalb der Wissenschaft. Hierarchische Abhängigkeiten zwischen Professoren, Doktoranden und wissenschaftlichen Mitarbeitern können die Aufklärung von Mobbing, Diskriminierung, sexueller Belästigung oder Machtmissbrauch erschweren.
Werden solche Vorwürfe öffentlich, richtet sich die Kritik auch gegen die Leitung der Einrichtung. Hat sie Beschwerden ernst genommen? Wurden Betroffene geschützt? Gab es unabhängige Untersuchungen?

Wissenschaftliche Exzellenz darf die Prüfung persönlichen Fehlverhaltens nicht beeinflussen. Gerade bei hoch angesehenen Führungspersönlichkeiten sind unabhängige Verfahren unverzichtbar. Leider werden solche Prüfvorgänge wie auch in anderen Teilen der Gesellschaft auch zu politische Zwecken missbraucht, um z.B. unliebsame, wen auch kluge Querköpfe loszuwerden.

6. Die alten Rollenbilder: Wie aus Forschern öffentliche Bösewichte werden

Die Wahrnehmung wissenschaftlicher Krisen wird auch von kulturellen Vorstellungen geprägt. Die Weltliteratur hat Figuren geschaffen, die bis heute beeinflussen, wie Menschen wissenschaftlichen Fortschritt und seine Risiken in den Medien beurteilen.

Mary Shelleys Frankenstein verkörpert den Forscher, der die Folgen seiner Entdeckung unterschätzt. Der bereits genannte Fall He Jiankui erinnert an dieses Motiv: Wissenschaftliche Möglichkeiten werden genutzt, obwohl grundlegende Fragen nach Verantwortung und ethischer Legitimation ungeklärt sind.

In Robert Louis Stevensons Dr. Jekyll und Mr. Hyde stehen gesellschaftliches Ansehen und zerstörerisches Verhalten nebeneinander. Der Chemiker Fritz Haber bietet eine historische Parallele. Seine Ammoniaksynthese ermöglichte die industrielle Herstellung von Kunstdünger; zugleich trieb er die Entwicklung chemischer Waffen voran.

H. G. Wells’ Dr. Moreau steht für den skrupellosen Experimentator. Die Figur erinnert an historische Verbrechen wie die Menschenversuche der japanischen Einheit 731 unter Shirō Ishii.

Eine andere Rolle verkörpert der verkannte Forscher. Ignaz Semmelweis erkannte 1847 die Bedeutung der Händedesinfektion zur Verhinderung des Kindbettfiebers, stieß jedoch auf erheblichen Widerstand seiner Kollegen. Seine Geschichte zeigt, wie wissenschaftliche Institutionen selbst zum Hindernis notwendiger Veränderungen werden können.

Diese literarischen Muster sind keine Belege für das Verhalten realer Personen. Sie prägen jedoch die Geschichten, die über Wissenschaftler erzählt werden. Für die Krisenkommunikation ist es wichtig, frühzeitig zu erkennen, welches öffentliche Bild entsteht und welche Erwartungen damit verbunden sind. Die Antwort muss sich auf überprüfbare Tatsachen stützen und zugleich die Fragen aufgreifen, die hinter solchen Zuschreibungen und Wahrnehmungsmustern stehen.

7. Der blinde Fleck der Wissenschaft

Gerade Spitzenforscher sind erstaunlich wenig auf persönliche Reputationskrisen vorbereitet. Sie haben über Jahrzehnte Anerkennung erworben, Forschungsteams aufgebaut und sich innerhalb ihrer Fachgemeinschaft eine Autorität erarbeitet. Daraus kann ein gefährlicher blinder Fleck entstehen.
Wer gewohnt ist, als Experte anerkannt zu werden, kann sich schwer vorstellen, selbst gravierende Fehler zu machen oder öffentlich als jemand dargestellt zu werden, der solche Fehler begangen hat. Dies gilt umso mehr, wenn sie sich als Experten ihres Faches in Sphären bewegen, die sich für den Rest des Teams nicht erschließen. Das Team wiederum traut sich nicht, Kritik an ihrem Spiritus Rector zu äußern.

Kritische Nachfragen von Reportern werden dann möglicherweise als fachliche Unkenntnis, persönliche Feindseligkeit oder ungerechtfertigter Angriff wahrgenommen. Die Betroffenen beginnen, ihre Autorität zu verteidigen, bevor sie die Vorwürfe ausreichend geprüft haben.

Besonders belastend wird diese Situation, wenn plötzlich das eigene Lebenswerk gefährdet erscheint. Die Angst vor dem Gesichtsverlust kann bei hyperintelligenten Menschen zu folgenschweren Reaktionen führen: vorschnelle Dementis, persönliche Angriffen auf Kritiker, das Verschweigen unangenehmer Tatsachen oder der Versuch, die öffentliche Debatte allein mit wissenschaftlichen Argumenten zu gewinnen.

Genau diese Verletzlichkeit macht renommierte Wissenschaftler zu attraktiven Zielen für Angreifer.

Wer eine weithin anerkannte Autorität beschädigt, erzielt nicht nur in den sozialen Medien besondere Aufmerksamkeit. Ein einzelner Vorwurf kann Zweifel an einer gesamten wissenschaftlichen Karriere auslösen. Für die erste öffentliche Wirkung spielt es häufig nur eine begrenzte Rolle, ob die Anschuldigungen berechtigt, übertrieben oder erfunden sind.

Je höher die Reputation, desto größer ist die Fallhöhe und das öffentliche Interesse an ihrem möglichen Verlust. Hier liegt eine zentrale Aufgabe externer Krisenberater. Sie bringen die nötige Distanz zu persönlichen und institutionellen Loyalitäten mit. Sie können unangenehme Fragen stellen, die innerhalb einer wissenschaftlichen Hierarchie möglicherweise niemand auszusprechen wagt.

Dazu gehört auch, einer renommierten Persönlichkeit zu widersprechen und auf mögliche Fehler in ihrer eigenen Wahrnehmung hinzuweisen.

Erfahrene Krisenberater kennen die Arbeitsweise von Leitmedien, die Dynamik öffentlicher Kontroversen und die Erwartungen kritischer Stakeholder. Sie beurteilen, wie eine Stellungnahme außerhalb des wissenschaftlichen Umfelds verstanden wird und welche Reaktionen sie auslösen könnte.

Die interne Pressestelle bleibt dabei ein wichtiger Partner. Sie kennt die Institution, ihre Abläufe und die wissenschaftlichen Zusammenhänge. In persönlichen Führungskrisen kann ihre Unabhängigkeit jedoch durch organisatorische Abhängigkeiten begrenzt sein.

Eine externe Kommunikationsberatung, ggf. ein zusätzlicher Medienanwalt, sollte deshalb möglichst frühzeitig einbezogen werden. Sie ergänzt wissenschaftliche Untersuchungen und Rechtsberatung um die Perspektive der öffentlichen Wahrnehmung.

Wer sein Lebenswerk schützen will, muss bereit sein, die eigene Rolle kritisch prüfen zu lassen. Gerade unter dem Druck einer persönlichen Krise ist diese Distanz schwer aus eigener Kraft herzustellen.

8. Checkliste: Auf welche Krisentypen sollten sich Wissenschaftler und Forschungseinrichtungen vorbereiten?

Die Risiken unterscheiden sich je nach Fachgebiet, Forschungsgegenstand und institutioneller Struktur. Dennoch lassen sich wiederkehrende Krisenfelder identifizieren:
1. Wissenschaftliches Fehlverhalten
Plagiate, Datenfälschungen, Bildmanipulationen, unzulässige Autorschaften und Verstöße gegen Regeln guter wissenschaftlicher Praxis.
2. Forschungsfehler und Korrekturen
Nicht reproduzierbare Ergebnisse, methodische Mängel, fehlerhafte Veröffentlichungen und notwendige Rücknahmen wissenschaftlicher Arbeiten.
3. Ethische Grenzüberschreitungen
Problematische Menschen- oder Tierversuche, fehlende Einwilligungen, unzureichende Risikoabwägungen und Verstöße gegen ethische Standards.
4. Cyberangriffe und Datenverluste
Hackerangriffe, digitale Erpressung, Abfluss personenbezogener Daten, Verlust von Forschungsdaten und Ausfall zentraler IT-Systeme.
5. Personelle Konflikte und Machtmissbrauch
Mobbing, Diskriminierung, sexuelle Belästigung, Führungsversagen und Konflikte in wissenschaftlichen Betreuungsverhältnissen.
6. Interessenkonflikte und wirtschaftliche Abhängigkeiten
Industriefinanzierung, nicht offengelegte Beteiligungen, fragwürdige Kooperationen und mögliche Einflussnahmen auf Forschungsergebnisse.
7. Kontroversen um neue Technologien
Künstliche Intelligenz, Genomeditierung, Neurotechnologie, militärisch nutzbare Forschung und andere gesellschaftlich sensible Entwicklungen.
8. Politische Angriffe und Eingriffe in die Wissenschaftsfreiheit
Politisch motivierte Förderentscheidungen, Einschränkungen von Forschungsprogrammen, Druck auf Institutionen und Angriffe auf einzelne Wissenschaftler.
9. Desinformation und digitale Reputationsangriffe
Verschwörungserzählungen, gefälschte Dokumente, Deepfakes, Identitätsmissbrauch, persönliche Diffamierung und koordinierte Kampagnen.
10. Institutionelle Führungs- und Reputationskrisen
Missmanagement, Compliance-Verstöße, fragwürdige Berufungsverfahren, Fördermittelprobleme, übertriebene Forschungsversprechen und eskalierende Medienberichte.

Für jedes relevante Szenario sollten Verantwortlichkeiten, interne Meldewege, rechtliche Anforderungen sowie prophylaktische Kernbotschaften, Statements und FAQs festgelegt werden.

9. Krisenvorsorge als Führungsaufgabe

Eine belastbare Krisenorganisation beginnt weit vor dem ersten öffentlichen Vorwurf. Hochschulen und Forschungseinrichtungen benötigen klare Entscheidungswege, einen erreichbaren Krisenstab und definierte Zuständigkeiten für wissenschaftliche Untersuchungen, Kommunikation, Rechtsfragen und den Schutz betroffener Personen. Hinzu kommen sichere Meldewege für Hinweisgeber und Verfahren, die unabhängige Untersuchungen ermöglichen.

Besondere Bedeutung hat die interne Kommunikation. Beschäftigte, Studierende und wissenschaftliche Nachwuchskräfte müssen wissen, an wen sie sich wenden können und welche Unterstützung im Krisenfall verfügbar ist.

Ebenso wichtig ist die Vorbereitung der wissenschaftlichen Führungskräfte.

Ein Institutsdirektor sollte bereits vor einer Krise wissen, wie ein kritisches Medieninterview abläuft. Eine Hochschulleitung sollte geübt haben, auf Manipulationsvorwürfe gegen einen prominenten Professor zu reagieren. Forschungsgruppen mit sensiblen Daten benötigen Kommunikationspläne für mögliche Cyberangriffe.

Auch politisch motivierte Angriffe und digitale Desinformation gehören inzwischen in solche Übungen. Wie reagiert eine Universität, wenn Fördermittel kurzfristig gestrichen werden? Was geschieht, wenn eine gefälschte Videoaufnahme eines Forschers viral verbreitet wird? Wer prüft die Echtheit, wer informiert Betroffene und wer entscheidet über eine öffentliche Reaktion?

Solche Szenarien lassen sich in Krisenübungen simulieren. Dabei werden Schwächen in Kommunikations- und Entscheidungsprozesse schnell sichtbar.
Der Wissenschaftsrat empfiehlt wissenschaftlichen Einrichtungen ausdrücklich, Kommunikations- und Entscheidungsprozesse vorsorglich festzulegen und professionelle Unterstützung bereitzuhalten.

10. Zehn praktische Regeln für den Ernstfall

1. Fakten klären und Belege sichern. Erfassen Sie den bekannten Sachstand, dokumentieren Sie gerichtsfest die Ereignisse und trennen Sie gesicherte Informationen von Vermutungen und Vorwürfen. Bei mutmaßlichen Deepfakes oder Cyberangriffen müssen auch digitale Beweise gesichert werden. Lassen Sie sich nicht zu voreiligen Erklärungen als Experte oder zu Spekulationen hinreißen.
2. Zuständigkeiten festlegen. Aktivieren Sie den Krisenstab bzw. bauen Sie Ihr persönliches Netzwerk an Unterstützern auf. Klären Sie, wer Entscheidungen trifft, wer Untersuchungen führt und wer gegenüber Medien und Stakeholdern kommuniziert. Vor allem aber: Lassen Sie sich helfen und versuchen Sie bei einer persönlichen Betroffenheit nicht alles allein zu regeln!
3. Krisen interdisziplinär durchdenken. Betrachten Sie eine Krise und deren Impact nicht allein aus Sicht des eigenen Fachbereiches. Ergänzen Sie Ihren Krisenstab bzw. Unterstützer-Netzwerk je nach Fall durch juristische, technische, verhandlungspsychologische oder journalistische Expertise.
4. Betroffene schützen. Berücksichtigen Sie die Interessen von Mitarbeitern, Studierenden, Versuchspersonen und Hinweisgebern. Versuchen Sie sich emphatisch in deren Situation zu versetzen. Vermeiden Sie vorschnelle Schuldzuweisungen und treffen Sie bei persönlichen Angriffen angemessene Schutzmaßnahmen. Arbeitgeber haben eine Fürsorgepflicht gegenüber den Angestellten.
5. Frühzeitig informieren. Erklären Sie, z.B. in chronologischer Reihenfolge, was bekannt ist, welche Schritte eingeleitet wurden und wann weitere Informationen zu erwarten sind. Noch einmal: Spekulieren Sie nicht über ungeklärte Sachverhalte und lassen Sie sich nicht provozieren.
6. Verständlich sprechen. Erläutern Sie wissenschaftliche Zusammenhänge ohne unnötige Fachsprache. Benennen Sie Unsicherheiten, mögliche Folgen und die Grenzen der eigenen Expertise. Diese Form des Scientific Storytellings sollte nicht erst in Krisen- sondern in Friedenszeiten erfolgen. Dann kann leichter auf bekannten Narrativen und prophylaktischen Textbausteinen bzw. Schaubildern aufgebaut werden.
7. Auf kritische Fragen vorbereiten. Trainieren Sie Interviews. Rechnen Sie mit Fragen nach Verantwortung, früheren Warnsignalen, möglichen Versäumnissen und persönlichen Konsequenzen. Vermeiden Sie jede Form „schwarzer Rhetorik“. Bleiben Sie auch in der Krise in der Rolle des sachlichen Erklärers.
8. Die öffentliche Debatte beobachten. Verfolgen Sie Berichterstattung und digitale Diskussionen. Neben einem Monitoring sind auch Hintergrundgespräche wichtige Quellen, um ein ganzheitliches Lagebild zu erstellen. Über Ihr Unterstützer-Netzwerk können Sie auch den Kontakt zu den Kritikern aufrecht erhalten. Korrigieren Sie wesentliche Falschbehauptungen mittels Faktencheck. Lassen Sie die Echtheit verdächtiger Aufnahmen bzw. Deepfakes fachkundig prüfen.
9. Maßnahmen und Konsequenzen erläutern. Informieren Sie über Untersuchungen, Korrekturen, organisatorische Veränderungen und gegebenenfalls personelle Entscheidungen. Damit demonstrieren Sie Transparenz und Leadership.
10. Die Krise aufarbeiten. Überprüfen Sie nach Abschluss des akuten Vorfalls die Ursachen und die eigene Reaktion. Passen Sie Verfahren an und dokumentieren Sie die umgesetzten Verbesserungen.

Fazit: Glaubwürdigkeit braucht Vorbereitung

Wissenschaftliche Reputation basiert auf fachlicher Leistung und persönlicher Integrität. In einer öffentlichen Krise wird beides auf die Probe gestellt.
Gerade renommierte Wissenschaftler müssen sich darauf einstellen, dass ihre Autorität außerhalb der Fachgemeinschaft nach komplett anderen Maßstäben beurteilt wird. Journalisten, Betroffene und Fördermittelgeber interessieren sich für Verantwortung, Transparenz und Konsequenzen.

Zugleich entstehen neue Gefahren durch politische Eingriffe, organisierte Desinformation und digitale Fälschungen. Sie können Wissenschaftler auch dann erheblich beschädigen, wenn diese keinen Anlass für berechtigte Kritik gegeben haben.

Der Umgang mit solchen Situationen entscheidet häufig darüber, ob ein begrenzter Vorfall langfristige Reputationsschäden verursacht. Professionelle Vorbereitung, unabhängige Beratung und nachvollziehbare Verfahren helfen, unter öffentlichem Druck handlungsfähig zu bleiben.

Wissenschaftler und ihre Institutionen sollten sich frühzeitig mit diesen Kriterien und Kommunikationsmustern auseinandersetzen, um daraus ein geeignetes Scientific Storytelling sowie eine zielführende Krisenstrategie zu entwickeln.

Professionelle Krisenkommunikation für Wissenschaft und Forschung

MEMOCINE unterstützt Wissenschaftler, Hochschulen und Forschungsinstitutionen bei der Vorbereitung auf solche Situationen und bei der professionellen Kommunikation im Krisenfall. Nicht zuletzt durch unsere Arbeit als Technologietransferpartner der Fraunhofer Gesellschaft haben wir ein vertieftes Verständnis für formale und informelle Spielregeln in der Wissenschaft.
Weitere Informationen: https://memocine.de/branchen/wissenschaft/

Transparenzhinweis: Das künsterlische Bild wurde mit KI erstellt.

Literaturtipps und weiterführende Quellen

Wissenschaftsrat (2021): Wissenschaftskommunikation. Positionspapier.
Eine zentrale Grundlage für die institutionelle Wissenschaftskommunikation in Deutschland. Besonders relevant sind die Abschnitte über öffentliche Verantwortung, Angriffe auf Wissenschaftler, Kommunikationskrisen und den Schutz betroffener Personen.
Patrick Honecker: Das neue Handbuch Wissenschaftskommunikation. PR, Marketing und Kommunikation für Wissenschaft.
Ein praxisorientiertes Handbuch zu strategischer Wissenschaftskommunikation, institutioneller Reputation und professioneller Öffentlichkeitsarbeit an Hochschulen und Forschungseinrichtungen.

Siggener Kreis (2020): Die Krise kommunizieren. Siggener Impulse 2020.
Eine Auseinandersetzung mit den Erfahrungen der Corona-Pandemie. Im Mittelpunkt stehen wissenschaftliche Unsicherheit, öffentliche Erwartungen und die Zusammenarbeit von Wissenschaft, Politik und Medien.

League of European Research Universities (2024): Communicating with Integrity. Supporting Researchers with Best Practice in Communication. Advice Paper No. 34.
Empfehlungen für eine integre Wissenschaftskommunikation. Behandelt Transparenz, Interessenkonflikte, den Umgang mit Unsicherheit, soziale Medien und die Schulung von Forschenden.

Hill-Berry, Nola P., und Tashieka S. Burris-Melville (2025): When the Going Gets Tough: Educational Leadership and Resilience in Times of Crises. Power and Education, 17(2), 216–240.

Eine Untersuchung zu Krisenführung, vorausschauender Planung, Kommunikation und organisatorischer Resilienz im Bildungsbereich.

Tight, Malcolm (2024): The Crisis Literature in Higher Education. Higher Education Quarterly, 78, e12504.
Eine Analyse der Krisenliteratur im Hochschulsektor. Besonders interessant ist die kritische Betrachtung des Krisenbegriffs und seiner Verwendung in wissenschaftlichen Debatten.

Ergänzende Quellen zu aktuellen Entwicklungen
Nature (2026): US Science After a Year of Trump: What Has Been Lost and What Remains. Eine datenbasierte Analyse der gestrichenen und eingefrorenen Forschungsförderungen sowie der Veränderungen in amerikanischen Wissenschaftsbehörden.
https://www.nature.com/immersive/d41586-026-00088-9/index.html

Nature (2026): ‘Fiercely Stubborn’: The US Scientists Continuing Their Research Amid Funding Cuts. Über den Umgang von Forschenden mit politischem Druck und dem Verlust von Fördermitteln.
https://www.nature.com/articles/d41586-026-03315-5

Hochschulrektorenkonferenz (2025): Handlungsdruck für Hochschulen, Länder und Bund – Empfehlungen zur Cybersicherheit.

Deutsche Forschungsgemeinschaft (2025): Wissenschaftliches Fehlverhalten – Maßnahmen gegen Simone Fulda und Klaus-Michael Debatin.

Nature (2025): How to Tackle Research Misconduct: Survey Finds Stark Disagreement.