Organizational Blackout – Führung im Panikmodus
Was tun, wenn unser Denken plötzlich blockiert? Dies kann nicht nur Menschen, sondern auch Unternehmen passieren.
In unserem Gehirn steckt ein „körpereigener Rauchmelder“, der bei Gefahr innerhalb von Millisekunden Alarm schlägt: die Amygdala. Sie reagiert, bevor unser Bewusstsein auch nur erahnen kann, welche Art und Dimension das vor uns stehende Risiko hat. Zugleich drosselt der präfrontale Cortex, der Ort unseres logischen Denkens, seine Energie. In Urzeiten war dieser Mechanismus überlebensnotwendig. Begegneten unsere Vorfahren einem Säbelzahntiger, hätte das Nachdenken über einen Notfallplan zu lange gedauert. Rennen war eindeutig die bessere Alternative.
Urzeitliche Reaktionsmuster in der Postmoderne
Auch wenn die Wahrscheinlichkeit einem „Säbelzahntiger“ oder einer anderen tödlichen Gefahr zu begegnen deutlich gesunken ist, funktionieren unsere biochemischen Reaktionen genauso wie vor Tausenden von Jahren. Stresshormone lassen das Herz schneller schlagen, die Atmung wird flacher, Muskeln spannen sich an. Der Zugriff auf unser Wissen und unsere Erfahrungen im Hippocampus wird vorübergehend gestoppt. Das Gehirn arbeitet im Überlebensmodus und damit leider nicht immer zu unserem Vorteil.
Insbesondere von Spitzensportlern können wir alle lernen, wie das Blackout-Risiko gesenkt werden kann. Die wichtigste Erkenntnis: Das Gehirn ist nicht defekt; es läuft möglicherweise nur ungewollt das falsche Programm in unserem Kopf. Sobald unser „Rauchmelder“ erkennt, dass keine reale Gefahr besteht, normalisiert sich die Situation in unserem Kopf sehr schnell.
Erste Hilfemaßnahmen gegen den Blackout
Wer einen Blackout in sich aufziehen spürt, sollte folgende Sofortmaßnahmen ergreifen:
- Langsam ausatmen. Dadurch aktivieren wir den Vagusnerv, der die Amygdala bremst.
- Festen Bodenkontakt Durch diese „Erdung“ unserer Füße senden wir dem präfrontalen Cortex ein beruhigendes Entspannungssignal.
- Mikrobewegungen unseres Körpers, mit dem wir Stresshormone reduzieren.
- Lächeln. Über die Gesichtsmuskeln wird der Amygdala ein Entwarnungssignal geschickt.
- Je schneller wir unseren Sprachbereich reaktivieren, desto schneller kommt der präfrontale Cortex online zurück.
Kollektiver Blackout in Organisationen
Doch was ist zu tun, wenn sich kollektive Panik in einem Team, einem Unternehmen oder einer Gesellschaft ausbreitet und jede Handlungsfähigkeit sabotiert?
In unsicheren Zeiten suchen Menschen nicht nach perfekten, logisch durchdachten Antworten. Sie suchen Orientierung bei Menschen, die nicht selbst kopflos durch die Gegend rennen oder schreien. Gesucht werden Führungskräfte, die von dem überzeugt sind, was sie sagen und tun, weil sie sich auch in Krisensituationen die Zeit zum Nachdenken nehmen. Keine Schuldzuweisungen, sondern lösungsorientierte Worte. Sie sprechen langsam. Aber was sie zu sagen haben, hat Hand und Fuß.
Ohne professionelle Führung in der Krise fällt ein Unternehmen in einen organisationalen Blackout. Dieser ist weniger von lauter Hysterie, sondern typischen Funktionsstörungen geprägt:
- Entscheidungsstillstand oder blinder Aktionismus: Entscheidungen werden vertagt, weil niemand Verantwortung übernehmen will. Oder es wird hektisch gehandelt, aber ohne Prioritäten oder klare Zielsetzung. Beides sind Symptome derselben Überforderung.
- Zusammenbruch der Informationslogik: Wichtige Informationen werden zurückgehalten oder gefiltert. Gerüchte ersetzen Fakten. Meetings drehen sich im Kreis, um keine Entscheidungen treffen und damit Verantwortung übernehmen zu müssen.
- Verlust der strategischen Zeitsicht: Alles wirkt „dringend“. Langfristige Folgen für das eigene Handeln bzw. Nicht-Handeln werden ausgeblendet.
- Rollen- und Prozessverwirrungen: Zuständigkeiten verschwimmen. Führungskräfte greifen ins Mikromanagement oder tauchen ab.
- Sinkende Sprachfähigkeit eines Unternehmens: Kommunikation wirkt aggressiv, ausweichend oder verstummt. Am Ende traut sich niemand mehr unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
Das Unternehmen verliert so seinen „präfrontalen Cortex“ und damit seine Fähigkeit, ruhig zu denken, zu priorisieren und einen Impact zu erzeugen.
Systematische Behandlung eines organisationalen Blackouts
Wer eines oder mehrere dieser Symptome in eigenem Unternehmen entdeckt, sollte den organisationalen Blackout durch folgende Erste Hilfe Maßnahmen durchbrechen:
- Entscheidungsräume schaffen mit klaren Zielvorgaben und gemeinsamen Faktencheck.
- Bewertung von Informationen und deren Quellen nach den Kriterien bekannt, unsicher und noch offen. Spekulationen jeder Art sind zu hinterfragen.
- Es reicht nicht in einer Unternehmenskrise Prioritäten zu setzen. Die Anzahl der Ziele und Projekte ist radikal zu minimieren.
- Die Belegschaft braucht gerade jetzt kurze, regelmäßige Lage-Updates. Diese gemeinsamen Besprechungen können helfen, um Menschen über Ruhe biologisch zu synchronisieren. Die Türen der Führungskräfte sollten für das eigene Team offen sein. Mitarbeiter müssen das Recht haben, ohne Angst vor Sanktionen auch kritische Fragen stellen zu dürfen.
- Führungskräfte sollten auch nach kleinen, aber schnellen Erfolgen suchen, denn Handlung erzeugt Selbstwirksamkeit und senkt den kollektiven Stresshormonlevel im Unternehmen.
Fazit
Ein Blackout ist kein Zeichen von Schwäche. Organisationaler Blackout kann selbst dem erfolgreichsten Unternehmen passieren. Vor allem ist er eine zutiefst menschliche Reaktion auf Überforderung. Unser Gehirn folgt in solchen Momenten uralten Schutzmechanismen. Unabhängig von Erfahrung, Intelligenz oder Position.
Entscheidend ist nicht, ob ein Blackout entsteht, sondern wie wir ihm begegnen und wie wir uns prophylaktisch vorbereiten. Wer in der Krise handlungsfähig bleiben will, muss akzeptieren, dass Selbstregulation Grenzen hat. Manchmal reicht eigene Disziplin nicht aus. Dann braucht es Unterstützung von außen: Menschen, die Ruhe ausstrahlen, neue Perspektiven eröffnen und Strukturen wiederherstellen helfen. Hilfe anzunehmen ist daher kein Kontrollverlust. Es ist der bewusste Schritt zurück in die Handlungsfähigkeit.

