Politische Krisenkommunikation
Wie Politik unter Druck Vertrauen verteidigt, Verantwortung übernimmt und die Deutungshoheit nicht dem Lautesten überlässt. Denkanstöße für demokratisch gewählte Volksvertreter.
1. Watergate oder die verhängnisvolle Hoffnung, dass der Rest schon nicht herauskommt
Am Anfang stand ein Einbruch. In der Nacht zum 17. Juni 1972 wurden fünf Männer im Hauptquartier der Demokratischen Partei im Watergate Komplex in Washington festgenommen. Was zunächst wie ein begrenzter politischer Skandal aussah, entwickelte sich zu einer Staatskrise und endete gut zwei Jahre später mit dem Rücktritt des amerikanischen Präsidenten Richard Nixon.
Watergate ist deshalb mehr als ein historischer Fall. Es ist das Urmodell einer fatalen Kommunikationsstrategie, die bis heute erstaunlich häufig von Politikern und deren Kommunikationsberatern angewandt wird: Leugnen, relativieren, nur das zugeben, was ohnehin bewiesen ist, auf die nächste Enthüllung warten und darauf hoffen, dass die Öffentlichkeit irgendwann müde wird.
Diese Hoffnung ist gefährlich. Denn die Salamitaktik verkleinert eine Krise nicht. Sie vervielfacht sie. Jede neu abgeschnittene Scheibe erzeugt eine neue Nachricht. Am Montag lautet die Frage: „Was ist passiert?“ Am Mittwoch: „Wer wusste davon?“ Am Freitag: „Warum haben Sie uns das am Montag nicht gesagt?“ Und eine Woche später lautet die Frage, die für Politiker gefährlicher ist als der ursprüngliche Vorwurf: „Warum sollten wir Ihnen jetzt noch glauben?“
Damit ist die Krise gewandert. Aus einem schlichten Sachverhalt ist ein gigantisches Glaubwürdigkeitsproblem geworden, aus dem Glaubwürdigkeitsproblem womöglich eine Führungskrise der betroffenen Partei.
Die Forschung zur Krisenkommunikation beschreibt sehr unterschiedliche Reaktionsmöglichkeiten, von Leugnung und Schuldzuweisung über Relativierung bis zu Entschuldigung und Verantwortungsübernahme. Timothy Coombs zeigt mit seiner Situational Crisis Communication Theory, dass die angemessene Reaktion entscheidend davon abhängt, wie stark einem Akteur Verantwortung für die Krise zugeschrieben wird.
Daraus folgt eine goldene Regel, die jeder politische Krisenstab über die Tür hängen könnte: „Sagen Sie heute nichts, von dem Sie befürchten müssen, dass es morgen durch eine neue Tatsache zerstört wird!“
2. Warum Politiker eine andere Krisenkommunikation brauchen als Unternehmen
Ein Unternehmen kann ein fehlerhaftes Produkt zurückrufen. Eine Partei kann eine politische Entscheidung nicht wie eine Charge mangelhafter Toaster aus dem Verkehr ziehen.
Unternehmen kämpfen in Krisen um Reputation, Kundenvertrauen, Umsatz, Mitarbeiter und Unternehmenswert. Politiker kämpfen zusätzlich um etwas, das sich in keiner Bilanz ausweisen lässt: Legitimität.
Wie schnell daraus eine Frage der Legitimität werden kann, zeigte Boris Johnson während der „Partygate“-Affäre. Während Millionen Briten unter strengen Corona-Regeln Kontakte einschränkten, wurden ausgerechnet in Downing Street Zusammenkünfte abgehalten, die gegen die geltenden Regeln verstießen; Johnson selbst erhielt deswegen eine Geldstrafe. Damit ging es um mehr als persönliches Fehlverhalten. Die entscheidende Frage lautete: Mit welcher Autorität kann eine Regierung von Bürgern die Einhaltung von Regeln verlangen, wenn ihre eigene Führung diese Regeln nicht einhält? Die Krise beschädigte deshalb nicht nur Johnsons Reputation, sondern die Glaubwürdigkeit staatlicher Regelsetzung.
Politische Macht ist geliehene Macht. Politiker treffen Entscheidungen auch für Menschen, die sie nicht gewählt haben. Sie verfügen über Steuergeld, bestimmen Regeln, besetzen Ämter und repräsentieren Institutionen. Deshalb fragt die Öffentlichkeit bei einem Vorstandsskandal häufig: „Kann diese Person das Unternehmen noch führen?“ Bei einem politischen Skandal kommt eine zweite Frage hinzu: „Darf ich dieser Person weiterhin Macht über öffentliche Angelegenheiten anvertrauen?“
Noch komplizierter wird es dadurch, dass politische Krisen immer unter Wettbewerbsbedingungen stattfinden. Der politische Gegner wartet nicht höflich, bis der Krisenstab seine Fakten sortiert hat. Er besitzt im Gegenteil einen Anreiz, den Fehler sichtbar zu machen, Verantwortung zuzuschreiben und eine eigene Interpretation anzubieten. Die Forschung spricht in diesem Zusammenhang von „crisis exploitation“ und „Blame Games“. Eine Krise ist für den einen eine Bedrohung und kann für den anderen eine politische Gelegenheit darstellen.
Hinzu kommt ein zweites Publikum. Wenn eine Ministerin oder ein Minister vor eine Kamera tritt, spricht sie zur Bevölkerung und gleichzeitig zu Fraktion, Parteivorstand, Koalitionspartnern, Opposition, Mitarbeitern, Journalisten und möglichen Nachfolgern. Derselbe Satz kann draußen beruhigen und drinnen eine Revolte auslösen.
Politische Krisenkommunikation ist deshalb Kommunikation auf mehreren Brettern gleichzeitig. Sie muss Wahrheit, Geschwindigkeit, Macht, Loyalität, Recht, Öffentlichkeit und demokratische Verantwortung miteinander vereinbaren.
Das macht sie zu einer eigenen Disziplin.
3. Die ersten 60 Minuten: schnell sein, ohne schneller zu reden als die Fakten
Eine politische Krise beginnt heute selten mit einer Pressekonferenz. Sie beginnt mit einem Screenshot.
14.03 Uhr: Ein Post erscheint. 14.07 Uhr: Die ersten Journalisten fragen an. 14.12 Uhr: Ein politischer Gegner kommentiert. 14.18 Uhr: Der Hashtag trendet. 14.25 Uhr: Jemand im Krisenstab sagt den gefährlichsten Satz des Nachmittags: „Wir müssen jetzt irgendetwas rausgeben.“
Nein. Sie müssen schnell etwas Belastbares herausgeben.
Yvonne Bräutigam beschreibt Beschleunigung als ein wesentliches Merkmal digitaler Krisenkommunikation. Social Media hat zudem einen unmittelbaren Rückkanal geschaffen. Institutionen senden nicht mehr nur. Die Öffentlichkeit antwortet, korrigiert, spekuliert und veröffentlicht eigenes Material.
In der ersten Stunde müssen deshalb fünf Fragen beantwortet werden: “Was wissen wir sicher? Was wissen wir nicht? Was genau wird behauptet? Wer besitzt intern das belastbarste Wissen? Welche Aussage wäre nur schwer zurückzunehmen?”
Ein gutes erstes Statement kann gerade deshalb unspektakulär sein: „Wir kennen die Vorwürfe. Folgendes können wir bestätigen… Folgende Fragen sind derzeit noch offen… Wir prüfen den Vorgang und informieren um 18 Uhr erneut.“
Das Entscheidende ist nicht die rhetorische Brillanz. Es ist die Trennung zwischen Wissen und Nichtwissen.
Aaron Gottardi empfiehlt für politische Krisensituationen vorbereitete Szenarien, klare Zuständigkeiten und vorab abgestimmte Sprachregelungen. Mein zusätzlicher praktischer Rat lautet: Legen Sie fest, wer innerhalb von 15 Minuten einen ersten Text freigeben darf. Wenn während der Krise fünf Hierarchieebenen über das Wort „bedauern“ diskutieren, haben Sie kein Formulierungsproblem. Sie haben ein Führungsproblem.
4. Erst verstehen, dann erzählen
Politische Krisen produzieren eine gefährliche Mischung aus Fakten, Gerüchten, Erinnerungen und Interessen. Nach zwei Stunden sagt plötzlich jemand: „Wir wissen doch, dass …“, obwohl niemand mehr sagen kann, woher dieses Wissen stammt.
Deshalb sollte jeder Krisenstab vier Kategorien brutal auseinanderhalten: Fakt, Behauptung, Bewertung, offene Frage.
Eine simple Tabelle kann dabei wertvoller sein als ein hundertseitiges Krisenhandbuch. Was ist die Information? Woher stammt sie? Ist sie verifiziert? Ist sie bereits öffentlich? Wer kennt sie noch?
Parallel muss eine zweite Frage beantwortet werden: Welche Geschichte entsteht draußen?
Wie entscheidend diese Frage werden kann, zeigte 1987 die Barschel-Affäre. Nach Vorwürfen über eine Schmutzkampagne gegen seinen SPD-Herausforderer Björn Engholm trat Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Uwe Barschel vor die Presse und gab sein berühmtes „Ehrenwort“, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe „haltlos“ seien. Doch während öffentlich bereits die Geschichte eines Regierungschefs entstand, der mit unlauteren Methoden um seine Macht kämpfte, konzentrierte sich Barschel auf die Zurückweisung einzelner Vorwürfe. Sein „Ehrenwort“ sollte Glaubwürdigkeit herstellen – und wurde zum Symbol ihres Verlustes. Der Fall zeigt, wie wenig es genügt, nur auf einzelne Behauptungen zu antworten, wenn sich draußen längst eine größere Geschichte gebildet hat.
Johannes Glatz beschreibt in seiner Arbeit über Storytelling in der Politik, wie Narrative Informationen auswählen, emotionalisieren und zu einem sinnstiftenden Zusammenhang verbinden. Für Krisenkommunikation ist das zentral. Denn dieselben Fakten können vollkommen unterschiedliche Geschichten hervorbringen.
Aus der privaten Nutzung einer dienstlichen Ressource kann die Geschichte „Ein Politiker hat einen Fehler gemacht“ entstehen. Es kann aber auch heißen: „Die da oben bedienen sich.“ Oder noch gefährlicher: „Eine Partei verlangt von den Bürgern Verzicht und hält sich selbst nicht an ihre Regeln.“
Wer nur den einzelnen Sachverhalt beantwortet, während der Gegner die größere Geschichte erzählt, kann jeden Faktencheck gewinnen und trotzdem die politische Auseinandersetzung verlieren.
Deshalb sollte irgendwann im Krisenstab jemand die Rolle des Gegners übernehmen und fragen: „Wenn ich uns politisch maximal schaden wollte, welche Geschichte würde ich aus diesen Fakten bauen?“
Erst dann weiß man, welche Krise tatsächlich vor der Tür steht.
5. Storytelling: Fakten brauchen eine Geschichte, Geschichten brauchen Fakten
Politiker erzählen ständig Geschichten, auch wenn sie glauben, lediglich Zahlen zu präsentieren. „Aufstieg durch Bildung“, „Wohlstand für alle“, „Wir schaffen das“, „Zeitenwende“, Obamas „Yes, we can“: Politische Sprache verdichtet komplexe Wirklichkeit zu Bildern, in denen Ursache, Konflikt, handelnde Personen und Zukunft zusammenfinden.
Gutes Storytelling in der Krise bedeutet deshalb nicht, einen schlechten Sachverhalt hübsch einzupacken. Es bedeutet, den Menschen eine nachvollziehbare Ordnung anzubieten: Was ist geschehen? Warum konnte es geschehen? Was bedeutet es? Was geschieht jetzt?
Gerade der letzte Punkt unterscheidet eine Geschichte von einer Ausrede.
„Wir haben einen Fehler gemacht“ beschreibt die Vergangenheit. „Deshalb ändern wir ab morgen das Verfahren“ öffnet die Zukunft. Eine Krise braucht diesen Übergang. Sonst bleibt sie in einer Endlosschleife aus Rechtfertigung und Rückblick gefangen.
6. Die Entschuldigung: einmal richtig statt siebenmal halb
Kaum ein politischer Satz besitzt so wenige Wörter und so viele Fluchttüren wie eine Entschuldigung.
„Falls sich jemand verletzt gefühlt hat …“
„Ich bedauere, dass dieser Eindruck entstanden ist …“
„Meine Äußerung ist missverstanden worden …“
Das sind häufig keine Entschuldigungen. Der Politiker bedauert darin nicht sein Verhalten, sondern die Reaktion des Publikums.
Eine belastbare Entschuldigung benötigt stattdessen vier Elemente: Fehler benennen, Verantwortung übernehmen, Betroffene anerkennen, Konsequenz nennen.
„Meine Aussage war falsch. Ich hätte sie so nicht machen dürfen. Ich verstehe, dass sie Menschen verletzt hat. Dafür entschuldige ich mich. Ich werde …“
Danach kommt der schwierigste Teil: aufhören.
Wer sich entschuldigt und anschließend zehn Minuten erläutert, warum der Fehler angesichts der Umstände verständlich war, zieht die Entschuldigung kommunikativ wieder zurück. Das Publikum hört dann nicht mehr „Ich war verantwortlich“, sondern „Eigentlich konnte ich nichts dafür“.
Das bedeutet nicht, Nachfragen abzuweisen. Journalistische Fragen werden beantwortet. Aber die Entschuldigung selbst wird nicht jeden Tag neu geschrieben. Sonst entstehen immer neue Formulierungen, neue Interpretationen und neue Schlagzeilen.
Die bessere Formel lautet: einmal klar entschuldigen, anschließend Fragen beantworten, Konsequenzen ziehen und dann durch Verhalten beweisen, dass die Entschuldigung ernst gemeint war.
7. Rücktritt: Wenn Gehen die stärkere Kommunikation ist
Krisenberater werden manchmal so behandelt, als bestehe ihre Aufgabe darin, einen Rücktritt unter allen Umständen zu verhindern. Das ist ein Missverständnis. Krisenkommunikation ist keine politische Lebensverlängerungsmaschine.
Nicht jeder Fehler verlangt einen Rücktritt. Aber irgendwann kann der Punkt erreicht sein, an dem der Versuch, jemanden im Amt zu halten, mehr Vertrauen zerstört als sein Ausscheiden. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Können wir den Rücktritt verhindern?“ Sie lautet: „Kann diese Person ihr Amt noch glaubwürdig und wirksam ausüben?“
Dabei sind vier Faktoren besonders relevant: Wie schwer war der Fehler? Wie groß war die persönliche Verantwortung? Wie wurde nach Bekanntwerden kommuniziert? Ist das Amt selbst inzwischen so stark mit der Affäre verbunden, dass normale politische Arbeit kaum noch möglich ist?
Wenn ein Rücktritt unvermeidbar wird, sollte er nicht als letzte Folge eines tagelangen öffentlichen Zerfalls oder parteiinternen Zerwürfnisses erscheinen. Er sollte klar begründet werden. Wofür übernehme ich Verantwortung? Warum ziehe ich diese Konsequenz? Wie geht es institutionell weiter?
Ein Rücktritt kann Reputation kosten. Die Art des Rücktritts kann aber auch Reputation bewahren.
Die Öffentlichkeit erinnert sich nicht nur daran, warum jemand gehen musste. Sie erinnert sich auch daran, wie jemand gegangen ist. So bleibt die Chance auf ein Comeback erhalten. Wie z.B. im Fall von Cem Özdemir. 2002 stolperte er über die Bonus-Meilen-Affäre und mußte unermüdlich internationale Umwege bis zu seiner Rückkehr in die Bundespolitik auf sich nehmen. 24 Jahre später wurde er Ministerpräsident von Baden-Württemberg.
8. Niederlagen: Eine Wahl verliert man zweimal, wenn man sie anschließend schönredet
18.00 Uhr. Die Balken erscheinen auf dem Bildschirm. Minus acht Prozentpunkte.
18.04 Uhr erklärt jemand vor der Kamera: „Wir haben unser Wahlziel nicht vollständig erreicht.“
Damit beginnt manchmal die zweite Niederlage des Abends.
Zum Klassiker wurde Gerhard Schröders Auftritt in der sogenannten Elefantenrunde nach der Bundestagswahl 2005. Die SPD war mit 34,2 Prozent hinter CDU und CSU gelandet; die Union hatte 35,2 Prozent erreicht. Dennoch trat Schröder im Fernsehstudio mit bemerkenswerter Siegesgewissheit auf. Angela Merkel werde es nicht schaffen, eine Koalition unter ihrer Führung zu bilden, erklärte er sinngemäß, und auf die Frage, ob er ernsthaft einen Regierungsanspruch erhebe, antwortete er: „Ja, natürlich.“ Den Hinweis, die Union sei stärkste Kraft geworden, ließ er nicht als entscheidendes Argument gelten. Der Auftritt wurde legendär, weil Bild und Botschaft so auffällig auseinanderfielen: Die Zahlen zeigten eine verlorene Wahl – der amtierende Bundeskanzler präsentierte sich, als habe vor allem seine Gegnerin ein Problem.
Menschen können Balkendiagramme lesen. Wer eine deutliche Niederlage sprachlich in einen „Auftrag für die Zukunft“ verwandelt, demonstriert nicht Zuversicht, sondern Realitätsverweigerung.
Die erste kommunikative Pflicht nach einer Niederlage lautet deshalb: Die Niederlage eine Niederlage nennen.
„Das ist ein bitteres Ergebnis. Wir haben deutlich weniger Menschen überzeugt, als wir wollten.“
Ein solcher Satz tut kurzfristig weh und schafft langfristig Glaubwürdigkeit.
Danach braucht eine gute Niederlagenrede drei Dinge: Respekt vor dem Ergebnis und dem Gewinner, Dank an die eigenen Unterstützer und das Versprechen einer ernsthaften Analyse.
Was sie nicht braucht, ist eine komplette Wahlanalyse um 18.23 Uhr. Zu diesem Zeitpunkt weiß niemand seriös, warum Millionen Menschen gewählt haben, wie sie gewählt haben.
Analysieren Sie nicht, bevor Sie analysiert haben.
„Heute nehmen wir dieses Ergebnis an. Morgen beginnen wir, seine Ursachen zu verstehen.“
Das ist keine Schwäche. Es ist intellektuelle Redlichkeit.
9. Social Media: Der Shitstorm ist laut, aber nicht automatisch groß
Ein Shitstorm besitzt eine perfide psychologische Eigenschaft. Für den Politiker, dessen Smartphone alle drei Sekunden vibriert, fühlt er sich an, als sei das ganze Land gegen ihn.
Das ganze Land kocht möglicherweise gerade Abendessen.
Deshalb gilt: erst messen, dann reagieren. Wie viele Menschen beteiligen sich tatsächlich? Sind es immer dieselben Accounts? Greifen Journalisten das Thema auf? Verlässt es die Plattform? Erreicht es Unentschlossene? Oder tobt ein Sturm in einer sehr kleinen digitalen Teetasse?
Danach muss unterschieden werden. Ein ernsthafter Kritiker verdient eine Antwort. Ein enttäuschter Unterstützer verdient besondere Aufmerksamkeit. Ein Provokateur möchte häufig keine Information, sondern Material für die nächste Eskalation. Wer bedroht, gehört nicht in eine rhetorische Debatte, sondern gegebenenfalls in die juristische Bearbeitung.
Die wichtigste Regel für Community Manager lautet deshalb: Sie schreiben die Antwort nicht nur für den Menschen, dem Sie antworten. Sie schreiben für die hundert Menschen, die schweigend mitlesen.
Man muss einen Hater nicht rhetorisch besiegen. Man muss dem vernünftigen Beobachter zeigen, wer hier vernünftig handelt.
Wie gefährlich der gegenteilige Reflex werden kann, zeigte lange vor Social Media die Spiegel-Affäre von 1962. Nach einem kritischen Artikel über die Verteidigungsbereitschaft der Bundeswehr wurden die Redaktionsräume des SPIEGEL durchsucht und Herausgeber Rudolf Augstein verhaftet.
Verteidigungsminister Franz Josef Strauß geriet wegen seines Vorgehens und seiner zunächst irreführenden Darstellung seiner Rolle massiv unter Druck und musste schließlich zurücktreten. Der Versuch, einen scharfen Kritiker mit den Mitteln staatlicher Macht zu bekämpfen, beschädigte am Ende nicht den Kritiker, sondern vor allem denjenigen, der ihn bekämpfen wollte.
10. Populisten als Gegner: Wenn der Kampf nicht nur um Antworten, sondern um die Spielregeln geht
Besonders anspruchsvoll wird Krisenkommunikation, wenn der politische Gegner eine konträre Kommunikationslogik benutzt.
Populistische Kommunikation reduziert komplexe Konflikte häufig auf eine moralisch simple Geschichte: hier das „wahre Volk“, dort die Elite, das Establishment, die Medien oder andere als Gegner markierte Gruppen. Sie vereinfacht, emotionalisiert, personalisiert und skandalisiert. Gerade deshalb besitzt sie eine hohe Passung zur Aufmerksamkeitslogik sozialer Medien.
Johannes Hillje beschreibt darüber hinaus für rechtspopulistische Akteure eine Strategie, bei der klassische Medien delegitimiert, eigene digitale Gegenöffentlichkeiten aufgebaut und zugleich traditionelle Medien strategisch genutzt werden. Für demokratische Konkurrenten entsteht daraus ein Dilemma: Die populistische Geschichte ist häufig in acht Wörtern erzählt. Die sachlich korrekte Antwort benötigt acht Absätze.
Genau hier liegt der Fehler vieler Gegenstrategien. Sie versuchen, eine emotionale Geschichte mit einem Merkblatt zu schlagen.
Wenn die Behauptung lautet „Die Regierung hat die Kontrolle verloren“, reicht es kommunikativ nicht, mit 14 Statistiken zu antworten. Die Statistiken können notwendig sein, aber zunächst muss die dahinterliegende Geschichte beantwortet werden: Kontrolle, Sicherheit, Fairness, Zugehörigkeit. Fakten brauchen auch hier einen verständlichen Zusammenhang.
Die Antwort auf populistisches Storytelling ist deshalb nicht weniger Storytelling, sondern besseres, wahrhaftiges Storytelling. Demokratische Politik muss Komplexität reduzieren können, ohne die Wirklichkeit zu verfälschen.
Dabei helfen auch rhetorische Tricks, wie sie Ronald Reagan 1980 im Fernsehduell mit Jimmy Carter benutzte. Carter griff ihn mit einer ausführlichen Sachargumentation zu Medicare an. Reagan lächelte: „There you go again.“ Vier Wörter und der Angriff war kommunikativ neu gerahmt. Erst danach lieferte Reagan seine sachliche Erwiderung. Carter hatte ein Argument. Reagan hatte zusätzlich eine Geschichte: „Da versucht es mein Gegner schon wieder.“ Zugleich offenbart uns diese kurze Anekdote das Grundproblem im Umgang mit populistischer Kommunikation: Wer auf eine zugespitzte Geschichte ausschließlich mit Sachargumenten antwortet, kämpft auf zwei verschiedenen Ebenen. Fakten beantworten die Sache. Sie beantworten aber nicht automatisch den Frame.
11. „Flood the zone“: Wenn Widerlegen zur Falle wird
Eine zweite Herausforderung ist die schiere Menge an Behauptungen.
Die Strategie, die häufig unter der drastischen Formel „flood the zone with shit“ (der Ausdruck geht zurück auf Steve Bannon, dem ehemaligen Chefstrategen und Berater von US-Präsident Donald Trumpdiskutiert wird, zielt kommunikativ darauf, den öffentlichen Raum mit so vielen Behauptungen, Empörungen, Angriffen und Nebenkriegsschauplätzen zu füllen, dass Gegner, Medien und Faktenchecker kaum hinterherkommen. Das Problem ist dann nicht eine einzelne überzeugende Unwahrheit. Das Problem ist Überlastung.
Wer jede Behauptung einzeln widerlegt, akzeptiert den Takt des Gegners.
Morgens erklärt man Aussage A. Mittags widerlegt man B. Nachmittags korrigiert man C. Abends spricht niemand mehr über die eigene politische Botschaft. Der Gegner hat vielleicht keinen einzigen Faktenstreit gewonnen und trotzdem den gesamten Nachrichtentag bestimmt.
Die Gegenstrategie lautet deshalb: priorisieren statt hinterherlaufen.
Nicht jede falsche Behauptung verdient eine Pressekonferenz. Korrigiert werden muss insbesondere, was große Reichweite gewinnt, Menschen konkret schädigt, demokratische Institutionen delegitimiert oder sich dauerhaft im öffentlichen Gedächtnis festsetzen könnte.
Und statt zehn Einzelbehauptungen zehnmal zu beantworten, sollte das wiederkehrende Muster sichtbar gemacht werden: „Heute kursieren erneut mehrere widersprüchliche Behauptungen. Hier sind die drei überprüfbaren Fakten.“
Damit verschiebt man die Kommunikation vom Spielfeld des Angreifers zurück auf das eigene.
12. Verschwörungserzählungen: Nicht im Labyrinth des Gegners verirren
Im April 2011 veröffentlichte das Weiße Haus Barack Obamas ausführliche Geburtsurkunde. Eigentlich hätte damit eine jahrelange Debatte beendet sein müssen. Doch die „Birther“-Erzählung, Obama sei nicht in den USA geboren und daher womöglich gar nicht rechtmäßig Präsident, verschwand nicht. Für Teile ihrer Anhänger wurde nun eben die Urkunde selbst zum Gegenstand des Verdachts: Sie sei gefälscht oder manipuliert. Der Beleg gegen die Verschwörung wurde in die Verschwörung eingebaut.
Verschwörungserzählungen stellen Krisenkommunikation vor ein besonderes Problem: Sie können Widerlegungen absorbieren.
Fehlt ein Beweis, beweist dies angeblich, wie gut die Verschwörung vertuscht wurde. Widerspricht eine Institution, wird sie zum Teil der Verschwörung erklärt. Widerspricht ein Journalist, gilt er als Beweis für die Gleichschaltung der Medien.
Wer versucht, jede Windung einer solchen Erzählung einzeln zu widerlegen, betritt ein Labyrinth, dessen Grundriss der Gegner gezeichnet hat.
Die kommunikative Antwort sollte deshalb drei Ebenen trennen. Falsche überprüfbare Tatsachen werden korrigiert. Berechtigte Sorgen werden ernst genommen. Die verschwörungsideologische Grundannahme wird nicht übernommen.
Statt also eine Stunde darüber zu diskutieren, ob „alle Medien unter einer Decke stecken“, kann die Antwort lauten: „Misstrauen gegenüber Macht ist legitim. Gerade deshalb haben wir unabhängige Gerichte, konkurrierende Medien, parlamentarische Opposition und Informationsrechte. Wenn Sie einen konkreten Vorwurf haben, prüfen wir ihn konkret.“
Das nimmt die Sorge ernst, ohne das Weltbild zu bestätigen.
13. Der kalkulierte Tabubruch: Nicht über jedes Stöckchen springen
Ein weiterer Mechanismus besteht darin, demokratische oder kommunikative Grenzen bewusst anzutasten.
Im Juni 2018 sagte AfD-Chef Alexander Gauland auf einem Parteikongress der Jungen Alternative, Hitler und die Nationalsozialisten seien „nur ein Vogelschiss in über 1.000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte“. Die Empörung war gewaltig, die Formulierung beherrschte die Schlagzeilen. Wenige Tage später erklärte Gauland, er habe niemals die NS-Verbrechen verharmlosen wollen, und bedauerte die Wirkung seiner Worte. Doch kommunikativ war der Tabubruch längst vollzogen: Ein einziges drastisches Wort hatte eine bundesweite Debatte ausgelöst und die Grenzen des Sagbaren selbst zum politischen Gegenstand gemacht.
Eine extreme Aussage erzeugt Empörung. Medien berichten. Gegner reagieren. Der Urheber erklärt anschließend, er sei missverstanden worden, habe nur eine Debatte anstoßen wollen oder man dürfe „heute ja gar nichts mehr sagen“.
Der Tabubruch war für den Aggressor trotzdem erfolgreich. Die Grenze wurde sichtbar verschoben.
Forschung zur rechtspopulistischen Kommunikation beschreibt genau diese Bedeutung von Provokation, Tabubruch und der schrittweisen Verschiebung politischer Normalität.
Die falsche Reaktion besteht darin, jeden Tabubruch mit maximaler Empörung zu beantworten. Denn Empörung ist Treibstoff der Aufmerksamkeitsökonomie.
Die bessere Reaktion unterscheidet drei Fälle. Eine provokante, aber demokratisch legitime Meinung wird politisch beantwortet. Eine nachweislich falsche Tatsachenbehauptung wird korrigiert. Ein Angriff auf demokratische Grundregeln, Menschenwürde oder die Legitimität demokratischer Institutionen wird klar als Grenzüberschreitung benannt, ohne die Provokation unnötig zu vervielfältigen.
Man muss das Stöckchen nicht überspringen, um darauf hinzuweisen, dass jemand eines hingelegt hat.
14. Die wichtigste Gegenstrategie: Nicht zum schlechten Abklatsch des Populisten werden
Der vielleicht größte strategische Fehler demokratischer Parteien besteht darin, aus dem Erfolg populistischer Kommunikation die falsche Lektion zu ziehen.
Der Gegner polarisiert? Dann polarisieren wir ebenfalls.
Er vereinfacht? Dann vereinfachen wir noch stärker.
Er provoziert? Dann brauchen wir auch einen Tabubruch.
Das kann kurzfristig Reichweite bringen und langfristig genau den Kommunikationsraum zerstören, den man verteidigen möchte. Forschung weist darauf hin, dass die Übernahme entsprechender Themen und Kommunikationsmuster durch etablierte Akteure zur Verschiebung und Normalisierung politischer Grenzen beitragen kann.
2002 erschütterte Jean-Marie Le Pen Frankreich, als er mit 16,9 Prozent überraschend die Stichwahl um das Präsidentenamt erreichte. Das galt als politischer Schock. Zwanzig Jahre später erhielt seine Tochter Marine Le Pen im ersten Wahlgang 23,2 Prozent und in der Stichwahl gegen Emmanuel Macron 41,5 Prozent. Positionen und Themen, die einst am äußersten Rand des Parteiensystems verortet wurden, waren längst Bestandteil der politischen Hauptarena geworden.
Die Lehre daraus lautet nicht, dass etablierte Parteien über Migration, Sicherheit oder nationale Identität schweigen sollten. Im Gegenteil: Sie müssen darüber sprechen. Entscheidend ist, ob sie eigene Antworten und eine eigene Sprache entwickeln – oder die Problembeschreibung und das Vokabular der radikalen Konkurrenz übernehmen. Denn wer dem Publikum jahrelang erklärt, der Konkurrent habe im Kern das richtige Problem erkannt, liefert ihm zugleich ein starkes Argument, irgendwann gleich das Original zu wählen.
Demokratische Kommunikation braucht deshalb etwas Schwierigeres: Klarheit ohne Verfälschung, Emotionalität ohne Feindbild, Zuspitzung ohne Entmenschlichung und Geschichten ohne erfundene Wirklichkeit.
Das klingt weniger spektakulär als ein Tabubruch. Es ist aber die anspruchsvollere Form politischer Kommunikation.
15. Fernsehen: Trainieren Sie nicht die Antwort, sondern den Moment, in dem die Antwort schwerfällt
Im Fernsehstudio schrumpft eine komplexe Krise plötzlich auf einen Menschen, einen Stuhl und eine Kamera. Der Zuschauer sieht nicht nur, was gesagt wird. Er sieht das Zögern vor der Antwort, die hochgezogene Augenbraue, die Gereiztheit und den Versuch, einer einfachen Frage mit einer komplizierten Formulierung auszuweichen.
Kaum ein deutscher Politiker hat unfreiwillig so anschaulich gezeigt, was unter Kameradruck mit einer eigentlich einfachen Botschaft passieren kann, wie Edmund Stoiber. Sein berühmter Transrapid-Satz über die Fahrt vom Münchner Hauptbahnhof zum Flughafen geriet zu einem verschachtelten sprachlichen Irrgarten aus „zehn Minuten“, Hauptbahnhof, Flughafen und Abflug – und wurde gerade deshalb zum Klassiker.
Aber Stoiber ist nicht allein. Günter Schabowski blätterte am 9. November 1989 auf der berühmtesten Pressekonferenz der deutschen Geschichte in seinen Papieren und antwortete auf die Frage, wann die neue Reiseregelung in Kraft trete: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.“
Deshalb sollte vor einem Kriseninterview nicht die freundliche Version des Gesprächs geprobt werden. Aaron Gottardi empfiehlt in der Vorbereitung ausdrücklich die Perspektive des Advocatus Diaboli:
„Warum haben Sie die Öffentlichkeit belogen?“
„Warum sollten die Menschen Ihnen noch vertrauen?“
„Wer wusste davon?“
„Wann treten Sie zurück?“
Die erste Antwort sollte die Frage beantworten. Erst danach kommt der Kontext.
„Ja, das war ein Fehler.“
„Nein, davon wusste ich zu diesem Zeitpunkt nichts.“
„Dafür trage ich die politische Verantwortung.“
Wer drei Minuten Anlauf braucht, bevor er eine erkennbare Frage beantwortet, wirkt selten differenziert. Meist wirkt er, als suche er den Notausgang.
16. Wahlkampf: Finden Sie die Krise, bevor der Gegner sie findet
Der Wahlkampf von Annalena Baerbock 2021 zeigte, wie schnell eine Kampagne die Kontrolle über ihre eigene Geschichte verlieren kann. Erst wurden nachträglich Lebenslaufangaben präzisiert, dann verspätet gemeldete Sonderzahlungen bekannt, schließlich folgte die Debatte über nicht ausreichend kenntlich gemachte Übernahmen in ihrem Buch. Bei Karl-Theodor zu Guttenberg war es Jahre zuvor die Dissertation, bei Martin Schulz wurden im Wahlkampf 2017 Vorgänge aus seiner Zeit im Europäischen Parlament hervorgeholt. Die Fälle sind weder in ihrer Bedeutung noch in ihrer Berechtigung gleichzusetzen. Gemeinsam ist ihnen eine einfache strategische Lehre: Was im Wahlkampf auffindbar ist, wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gefunden – nur möglicherweise vom Gegner zuerst.
Wahlkampf ist Krisenkommunikation mit angekündigtem Gegner.
Deshalb gehört vor eine Kampagne ein Vulnerability Check. Alte Interviews, Tweets, Nebentätigkeiten, Spenden, Lebenslaufangaben, geschäftliche Verbindungen, veränderte politische Positionen und problematische Bilder sollten bekannt sein, bevor jemand anderes sie entdeckt.
Die nützlichste Frage lautet dabei: „Wenn wir unseren eigenen Kandidaten politisch maximal beschädigen wollten, womit würden wir anfangen?“
Das klingt brutal. In Wirklichkeit ist es Fürsorge.
Dasselbe gilt für Wahlplakate. Testen Sie nicht nur die gewünschte Botschaft, sondern die bösartigste plausible Interpretation. Was passiert, wenn nur die Hälfte des Motivs fotografiert wird? Welche zweite Bedeutung besitzt der Claim? Wie sieht das Plakat mit einer gegnerischen Caption aus? Kann daraus ein Meme werden?
Ein Plakat muss heute nicht nur drei Sekunden an der Ampel überleben. Es muss auch einen Screenshot und 100.000 Shares überleben.
17. KI: Das nächste Neuland kann sprechen wie Sie
Angela Merkels berühmte Bezeichnung des Internets als „Neuland“ wurde zum Symbol für den Abstand zwischen politischem Betrieb und technologischer Entwicklung. Bei künstlicher Intelligenz darf dieser Abstand nicht noch einmal entstehen.
New Hampshire 2024. Wähler erhielten vor der demokratischen Vorwahl automatisierte Anrufe mit einer KI-generierten Stimme, die wie Joe Biden klang und ihnen nahelegte, bei der Vorwahl nicht abzustimmen. Der Fall führte später zu Ermittlungen und einer Millionenstrafe der US-Regulierungsbehörde FCC. Das nächste Neuland kann sprechen wie wir.
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KI verändert eine der ältesten Gewissheiten politischer Kommunikation: Sehen ist nicht mehr automatisch Glauben. Ein Video kann authentisch aussehen, eine Stimme vertraut klingen und ein Foto scheinbar einen eindeutigen Moment dokumentieren, ohne dass das Ereignis jemals stattgefunden hat.
Parteien sollten deshalb heute Prozesse etablieren, bevor das erste überzeugende Deepfake auftaucht. Originalmaterial archivieren, Veröffentlichungszeitpunkte dokumentieren, technische Ansprechpartner definieren und klären, wer im Ernstfall Authentizität prüft.
Aber auch hier gilt eine wichtige Gegenregel: Nicht jedes peinliche Video ist ein Deepfake.
Wer echtes Material vorschnell als KI Fälschung bezeichnet und anschließend widerlegt wird, hat aus einem unangenehmen Video eine Glaubwürdigkeitskrise gemacht.
18. Gewalt und Einschüchterung: Hier endet das kommunikative Spiel
Walter Lübcke hatte erlebt, wie aus politischem Widerspruch Hass werden kann. Nach seinen Äußerungen zur Aufnahme von Geflüchteten wurde der Kasseler Regierungspräsident im Netz massiv angefeindet und bedroht. Im Juni 2019 wurde er auf der Terrasse seines Hauses von einem Rechtsextremisten erschossen. Der Mord markierte auf schreckliche Weise eine Grenze, die in aufgeheizten politischen Debatten leicht aus dem Blick gerät: Zwischen scharfer Kritik und Einschüchterung liegt kein gradueller Unterschied. Wer bedroht, verfolgt oder Gewalt ausübt, beteiligt sich nicht mehr am demokratischen Streit.
Demokratie lebt vom Streit. Sie lebt nicht von Angst. Politiker dürfen scharf kritisiert, satirisch angegriffen und bei Wahlen aus dem Amt geschickt werden. Wer politische Macht anstrebt, muss öffentlichen Widerspruch aushalten. Niemand muss Morddrohungen, Doxxing oder Gewalt als normalen Preis politischen Engagements akzeptieren.
Marie Kristin Koytek verweist im Zusammenhang mit Kommunalpolitik ausdrücklich auf Gewalt gegen Amtsträger und Unterstützungsangebote gegen Hass und Gewalt.
Sobald eine konkrete Bedrohung vorliegt, muss deshalb die kommunikative Logik wechseln. Nicht schlagfertig antworten. Beweise sichern. Betroffene schützen. Sicherheitsverantwortliche informieren. Plattformen einschalten. Rechtliche Schritte frühzeitig prüfen und bei möglicher Strafbarkeit die zuständigen Behörden einschalten.
Kommunikativ genügt häufig ein klarer Satz: „Über unsere Politik kann und soll gestritten werden. Drohungen gegen Menschen sind kein politisches Argument.“
Das sollte übrigens auch dann gelten, wenn der bedrohte Politiker dem politischen Gegner angehört. Gerade dann zeigt sich demokratische Haltung.
19. Die vielleicht wichtigste Regel: Nicht jede Krise muss gewonnen werden
Krisenkommunikation wird gern wie ein Boxkampf behandelt. Am Ende soll der eigene Politiker noch stehen und der Gegner am Boden liegen.
Das ist zu wenig.
Als 1974 bekannt wurde, dass mit Günter Guillaume ein DDR-Spion im engsten Umfeld von Bundeskanzler Willy Brandt gearbeitet hatte, übernahm Brandt die politische Verantwortung und trat zurück. Er war nicht selbst zum Spion geworden, und bis heute wird darüber diskutiert, welche weiteren persönlichen und politischen Gründe zu seinem Rücktritt beitrugen. Aber sein Schritt steht für eine Möglichkeit, die in der Krisenkommunikation leicht vergessen wird: Man kann Verantwortung für eine Krise übernehmen, ohne persönlich ihr alleiniger Verursacher zu sein.
Angela Merkel wählte 2018 einen anderen Weg. Nach schweren Verlusten der CDU bei der hessischen Landtagswahl kündigte sie an, nicht erneut für den CDU-Vorsitz zu kandidieren und nach Ablauf der Legislaturperiode auch nicht mehr als Bundeskanzlerin anzutreten. Sie bezeichnete die Entscheidung als Teil ihrer Verantwortung für die Lage ihrer Partei. Kein dramatischer Rücktritt am nächsten Morgen, keine Behauptung, eigentlich hätten nur die Medien oder die Wähler die eigene Politik nicht verstanden. Sondern die Erkenntnis, dass politische Führung auch darin bestehen kann, den eigenen Abschied zu organisieren.
Manchmal besteht die richtige Reaktion also darin, einen Fehler einzugestehen. Manchmal darin, eine Wahlniederlage beim Namen zu nennen. Manchmal darin, sich zu entschuldigen. Manchmal darin, ein Amt abzugeben. Nicht jede Krise muss gewonnen werden. Manche müssen anständig beendet werden.
Souveränität zeigt sich nicht darin, niemals zurückzuweichen. Sie zeigt sich darin, zu erkennen, wann Festhalten mehr zerstört als Loslassen.
Und es gibt eine Grenze, an der diese Frage über persönliche Souveränität hinausgeht. Nach der US-Präsidentschaftswahl 2020 weigerte sich Donald Trump, seine Niederlage anzuerkennen, verbreitete unbelegte beziehungsweise falsche Behauptungen über einen angeblich gestohlenen Wahlsieg und versuchte, das Ergebnis anzufechten. Am 6. Januar 2021 stürmten seine Anhänger das Kapitol, während der Kongress die Wahl Joe Bidens formal bestätigen sollte. Hier ging es längst nicht mehr darum, ob ein Politiker eine Kommunikationskrise „gewinnt“. Es ging darum, ob die Niederlage innerhalb der demokratischen Spielregeln akzeptiert wird.
Darin unterscheidet sich politische Krisenkommunikation von bloßer Reputationspflege. Ihr Ziel kann nicht darin bestehen, einen Politiker um jeden Preis im Amt zu halten. Sie muss Vertrauen und politische Handlungsfähigkeit schützen und zugleich die demokratischen Regeln achten, innerhalb derer Macht überhaupt legitim ausgeübt werden kann.
Denn wer den Gegner mit einer Lüge besiegt, ein manipuliertes Video bewusst weiterverbreitet, Journalisten pauschal zu Feinden erklärt oder Menschen durch Drohungen zum Schweigen bringt, kann eine Auseinandersetzung gewinnen und dabei etwas sehr viel Wertvolleres verlieren.
Das Spielfeld.
Politischer Streit darf hart sein. Wir dürfen widersprechen, zuspitzen, Macht kritisieren und schlechte Politik schlechte Politik nennen. Wir dürfen demonstrieren, protestieren und Regierungen abwählen. Und zur Demokratie gehört noch etwas, das für politische Kommunikation vielleicht schwerer zu akzeptieren ist als all das: Man darf verlieren.
Was wir nicht akzeptieren dürfen, ist, dass Menschen aus Angst vor Gewalt nicht mehr kandidieren, dass Journalisten eingeschüchtert werden, dass demokratische Institutionen allein deshalb für illegitim erklärt werden, weil ihre Entscheidungen einem nicht gefallen, oder dass aus dem politischen Gegner ein Feind gemacht wird, dem kein legitimer Platz mehr in der Gemeinschaft zugestanden wird.
Hier endet die Aufgabe des Krisenkommunikators und beginnt eine Aufgabe für uns alle.
Wenn Menschen aus Angst nicht mehr kandidieren, verliert die Demokratie nicht irgendwann. Sie verliert in diesem Moment. Wenn Journalisten aus Angst nicht mehr fragen, wenn Gerichte nur noch dann respektiert werden, wenn ihr Urteil gefällt, und wenn eine Wahlniederlage nur noch dann als legitim gilt, wenn der andere verliert, dann haben wir vielleicht eine politische Auseinandersetzung gewonnen – aber begonnen, das Spielfeld zu zerstören.
Gute politische Krisenkommunikation muss deshalb am Ende mehr leisten, als den nächsten Nachrichtenzyklus zu überstehen. Sie muss nicht jede Krise gewinnen, nicht jeden Angriff zurückschlagen und nicht jeden Politiker retten.
Sie muss dafür sorgen, dass nach der Krise noch genügend Vertrauen vorhanden ist, um morgen wieder miteinander streiten zu können.
FAQ zur politischen Krisenkommunikation
Was ist politische Krisenkommunikation?
Politische Krisenkommunikation ist die strategische Kommunikation von Politikern, Parteien und politischen Institutionen in Situationen, die Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Legitimität oder politische Handlungsfähigkeit gefährden.
Was unterscheidet politische Krisenkommunikation von Unternehmenskommunikation?
Politiker müssen nicht nur ihre Reputation schützen. Sie müssen auch die Legitimität der ihnen übertragenen politischen Macht erhalten. Gleichzeitig kommunizieren sie gegenüber Öffentlichkeit, Medien, Partei, Fraktion, Koalitionspartnern und politischen Gegnern.
Was sind die wichtigsten Regeln der politischen Krisenkommunikation?
Fakten und Gerüchte trennen, schnell aber belastbar kommunizieren, Verantwortung klären, Fehler offen benennen, verständlich erklären, Konsequenzen aufzeigen und niemals etwas behaupten, das durch neue Fakten widerlegt werden könnte.
Was sollte ein Politiker in der ersten Stunde einer Krise tun?
Zuerst muss geklärt werden, was sicher bekannt ist, was lediglich behauptet wird und welche Fragen offen sind. Danach sollte möglichst schnell ein kurzes belastbares Erststatement folgen.
Wie sieht ein gutes erstes Krisenstatement aus?
Es sagt, was bekannt ist, was noch nicht bekannt ist, was geprüft wird und wann weitere Informationen folgen. Spekulationen und vorschnelle Schuldzuweisungen sollten vermieden werden.
Wann sollten sich Politiker entschuldigen?
Wenn ein eigener Fehler vorliegt und Verantwortung übernommen werden muss. Eine glaubwürdige Entschuldigung benennt den Fehler, übernimmt Verantwortung, berücksichtigt die Betroffenen und nennt Konsequenzen.
Wann sollte ein Politiker zurücktreten?
Wenn ein Fehler oder der Umgang damit die glaubwürdige und wirksame Amtsausübung dauerhaft beeinträchtigt. Krisenkommunikation sollte nicht versuchen, einen Politiker um jeden Preis im Amt zu halten.
Wie sollten Politiker auf einen Shitstorm reagieren?
Zuerst Reichweite und Relevanz prüfen. Nicht jede Empörungswelle repräsentiert die öffentliche Meinung. Ernsthafte Kritik sollte beantwortet, Provokation nicht unnötig verstärkt und Bedrohung nicht als normale politische Debatte behandelt werden.
Wie reagiert man auf populistische Kommunikation?
Nicht jede Provokation übernehmen und nicht ausschließlich mit Zahlen antworten. Demokratische Kommunikation braucht eigene verständliche Geschichten, klare Fakten und eine Sprache, die emotional sein kann, ohne Feindbilder zu erzeugen.
Wie sollte Politik mit Falschinformationen und Verschwörungserzählungen umgehen?
Überprüfbare Falschbehauptungen sollten korrigiert und berechtigte Sorgen ernst genommen werden. Die verschwörungsideologische Grundannahme sollte jedoch nicht übernommen werden.
Welche Rolle spielt Storytelling in politischen Krisen?
Storytelling ordnet Fakten in einen verständlichen Zusammenhang. Gute Krisenkommunikation erklärt, was geschehen ist, warum es geschehen konnte, was es bedeutet und was jetzt verändert wird.
Wie bereitet man Politiker auf kritische TV Interviews vor?
Nicht nur Antworten trainieren, sondern Stresssituationen. Kritische Fragen, Unterbrechungen, Vorwürfe und unangenehme Nachfragen sollten realistisch geprobt werden. Die konkrete Frage sollte möglichst zuerst beantwortet werden, bevor Kontext und Erklärung folgen.
Was ist ein Vulnerability Check im Wahlkampf?
Dabei werden mögliche Schwachstellen eines Kandidaten vor Kampagnenbeginn systematisch untersucht, etwa frühere Aussagen, Social Media Posts, Nebentätigkeiten, Spenden, Lebenslaufangaben, geschäftliche Beziehungen und problematische Bilder.
Welche Risiken schafft KI für politische Krisenkommunikation?
KI ermöglicht täuschend echte manipulierte Stimmen, Bilder und Videos. Parteien benötigen deshalb Verfahren zur Archivierung von Originalmaterial, zur schnellen Authentizitätsprüfung und zur Reaktion auf Deepfakes. Gleichzeitig darf echtes Material nicht vorschnell als KI Fälschung bezeichnet werden.
Wie sollten Politiker auf Drohungen und Einschüchterung reagieren?
Bei konkreten Bedrohungen endet die rhetorische Auseinandersetzung. Beweise sollten gesichert, Betroffene geschützt, Sicherheitsverantwortliche informiert und gegebenenfalls Polizei, Justiz und Plattformbetreiber eingeschaltet werden.
Was ist das wichtigste Ziel politischer Krisenkommunikation?
Nicht jeden Nachrichtenzyklus oder jede politische Auseinandersetzung zu gewinnen. Entscheidend ist, Vertrauen und politische Handlungsfähigkeit zu erhalten, Verantwortung zu übernehmen und die demokratischen Spielregeln zu schützen.

